Aus: GESCHICHTEN AUS DER JAKOBSMUSCHEL -
Der Weg zum eigenen Weg, Teil 1 (Rahmenroman)

Ich geh meine eigenen Wege,
ein Ende ist nicht abzusehn.
Eigene Wege sind schwer zu beschreiben,
sie entstehen ja erst beim Gehn.

                                       Heinz Rudolf Kunze

Der erste Eindruck der berühmten Stadt Pamplona war alles andere als verheißungsvoll. Zudem war es gegen drei Uhr nachmittags, und die Sonne, die hier bereits in der zweiten Aprilhälfte eine enorme Kraft entwickelt, trieb ihm den Schweiß aus allen Poren, sobald er sich drei Schritte weit über die schützenden, von Gebäuden und Bäumen erzeugten Schattenflächen hinaus wagte. Irgendwo aber musste er anfangen, eintauchen, loswandern, und er hatte sich nun ein­mal für die Hauptstadt Navarras entschieden.
Die zurückliegenden sieben Stunden waren weder langsam noch schnell vergangen, ausgefüllt von der Fahrt in einem klimatisierten Fernlinienbus, hierzulande ungewohnt lärmgedämpft und mit Zeit für Erinnerungen, Gedanken, Träume und Gebete. Keineswegs war Florian ein frommer Mann, zumal aufgewachsen in der sächsischen Kleinstadt Wurzen und seit langem wohnhaft in Leipzig, wo man aufgeklärt war und weltoffen und so freizügig, wie es die eigenen Mittel zuließen. Diese aber, die eigenen Mittel, die waren zur Achillesferse seines Lebens geworden, so sehr, dass er nun meinte, außer Beten könne er nichts mehr tun.
Geldknappheit machte vor den treuesten Materialisten nicht halt, verschonte sie ebensowenig wie die weltabgehobenen Träumer, von denen er immer geglaubt hatte, sie seien selber schuld. Ohne Ansehen der Person waren die Menschen arbeitslos geworden, hatte man sie auf Sozialleistungen gesetzt und an den Rand des Lebens gedrängt. Dagegen halfen weder gottesverachtende Sprüche noch Hasstiraden gegen die Kirche, weder wohlgemeinte Philosophien noch zynische Politikerwitze.
Beten indes war etwas Neues, er hatte es noch nie versucht. Stumm konnte man es tun, heimlich, um nicht lächerlich zu wirken vor denen, die es vielleicht merkten. Ein Strohhalm obendrein, weiter gar nichts. Nach dem ein Ertrinkender aber
trotzdem greift…
Nachdem er die Scheidung von Marianne durchgeboxt hatte, einer nimmersatten Frau und einem unberechenbaren Kostenfaktor, hatten sich zu seinen Mietschulden die unbeglichenen Gerichtsrechnungen addiert. Und als er unvorsichtigerweise seinem letzten Freund gegenüber im Rausch geäußert hatte, er wolle sich nun umbringen, war das Ergebnis eine seltsame Antwort gewesen, eine Qual für sein Gedächtnis bis heute:
„Nimm lieber alles, was du zusammenkratzen kannst und geh wandern, nach Nordspanien, auf diesem Pilgerweg, du weißt schon. Wenn er dir zu lang ist, reichen ein paar Tage. Das Einzige, was du brauchst, ist: gehen lernen.“
Gehen lernen. Nicht beten, sondern gehen, gehen lernen? Florian hatte den Mann verärgert verlassen, war jedem weiteren Wiedersehen ausgewichen. Nur dieses Gehen lernen hatte er nicht mehr loswerden können.
Beinahe krank hatte es ihn gemacht. Bis er sich mit blutendem Herzen entschloss und eines seiner Kopfkissen aufschnitt, um die darin versteckten dreihundertsiebenundzwanzig Euro herauszunehmen, das letzte, absolute Notfallgeld.
Zwar lief längst eine Räumungsklage, und bis zum Vollzug blieben ihm noch zwanzig Tage. Deshalb war zuerst die Idee gekommen, das Gehen hier zu erlernen, am Stadtrand von Leipzig eventuell. Das lag am nächsten und erforderte geringstmögliche Kosten.
Doch da geschah ihm jener Spaziergang und wiederum ein seltsames Gespräch mit einer traurigen Studentin auf einer Parkbank. Sie wolle nach Barcelona fahren, hatte sie ihm ihren Kummer ausgebreitet, mit zwei Freundinnen und einem Freund. Ihr schöner Plan aber müsse ins Wasser fallen, da der junge Mann der Einzige sei, der über eine Fahrerlaubnis verfüge, nun aber eine schwere Grippe bekommen habe. Nur in diesen Tagen aber könnten sie in der spanischen Hafenstadt kampieren, in einer Wohnung, die ihnen jemand kostenfrei überließe, bis zur Rückkehr aus dem eigenen Urlaub.
An dieser Stelle war Florian hellwach geworden und hatte nach dem Auto gefragt.
Ja klar, das Auto könnten sie haben, aber wer sollte es denn fahren?
Ich, hatte der Lebensverdrossene unwillkürlich geantwor­tet und sich selbst für den Unfug gescholten, den er da sprach. Denn: Sollte er, der fast Fünfzigjährige, mit drei jungen Damen, einfach so…?
„Sie würden das tun?“ Die Studentin war reinweg begeistert gewesen.
Und er hatte es getan. Drei Mädchen in einem alten Ford Fiesta nach Barcelona kutschiert. Gestreichelt und geküsst hatten sie ihn dafür, davon abgesehen, dass er mit ihnen in einer Wohnung übernachten durfte. Aber nicht mehr, denn irgendwo musste es ja noch Hemmschwellen geben; bei ihnen oder bei ihm selbst, das war wohl gleichgültig.
Nach der ersten Nacht in der Riesenstadt hatte er morgens beizeiten die *Estació del Nord aufgesucht und den Bus genommen, um hierher, nach Pamplona, zu gelangen. Erst nach zwei Wochen brauchten sie ihn wieder in Barcelona, als Chauffeur für die Rückfahrt.
Allein die wichtigsten Habseligkeiten trug er bei sich, in einem Rucksack. Obendrein steckte in einer seiner Taschen sogar ein neuer Pilger­ausweis, den er von der bewussten Studentin bekommen hatte. Es musste eine Zeit gegeben haben, während der sie selbst wild auf das Wanderabenteuer gewesen war, um später vor den damit verbundenen Anstrengungen zurückzuschrecken – wer weiß?
Langsam schritt Florian über den Asphalt. Wo fand er ihn, den legendären Pilgerpfad? Nichts wusste er darüber, weder über Herbergen und deren Bedingungen und Kosten noch über Entfernungen und Richtungszeichen. Immerhin sprach er leidlich gut Englisch und drei bis vier Worte Spanisch.
Die Geschäfte waren geschlossen, die Straßen beinahe leergefegt. Siesta! fiel ihm ein. In diesem Land begeht man die Mittagsruhe wie etwas Heiliges. So war es jedoch nicht leicht, jemanden zu finden, den man fragen konnte.
Das aber gelang ihm schließlich in einem Gebäude, das er als Stadtverwaltung identifizierte, besonders dazu angeregt durch die Flaggen des Landes und der Provinz, die weithin sichtbar über dem Portal angebracht waren. Hier stieß er auf Menschen, die entgegen ihrem Ruf nicht hinter Bürotischen schliefen, die das Englisch des Reisenden verstanden und diesem mit Rat und Wanderkarte zu helfen versuchten.
Und so gelangte Florian schließlich auf den geschichtsträchtigen, blutigen, ungerechten, grausamen, unzüchtigen und überaus heiteren, liebevollen und magischen Weg.
Der erste Wanderer, auf den er traf, war eine Frau, eine junge, blonde, langhaarige Frau, die kein einziges englisches Wort verstand geschweige denn sprach. Mit Händen und Füßen, Augenblitzen und Gelächter teilte sie ihm mit, dass sie aus einem Dorf bei Cortina d’Ampezzo in Norditalien komme; und der Deutsche lächelte zum ersten Mal seit vielen Wochen und Monaten und sagte:
„Ah, Cortina d’Ampezzo! Olympia! I understand, I understand (Ich verstehe, ich verstehe).“
Sie zeigte auf sich selbst: „Io (Ich) – Paola.“
„Ich bin Florian“, antwortete der neue Pilger, den bei der eigenen Namensnennung ein unbekannt leichtes Gefühl durchflutete. „Florian aus Leipzig.“
Nun wies sie auf ihre Schuhe, die, staubig und ausgetreten, ihren Füßen Schmerzen zu bereiten schienen.
„Cinque minuti – albergue – dormire (Fünf Minuten – Herberge – schlafen)“, seufzte sie in der Hoffnung, das Hirn ihres Begleiters möge telegrafische Sprechweise und Sprachengemisch leichter verarbeiten.
Der aber schwieg und fragte sich anscheinend, wie er es der hübschen Dolomitin erklären sollte, dass er noch bei frischen Kräften sei und bis zum Abend zu wandern beabsichtige, trotz Sonne und spanischem April.
„Cizur Menor“, fügte sie erläuternd hinzu und er, der bisher kaum einen Blick auf die vor knapp einer Stunde erhaltene Karte geworfen hatte, verstand noch weniger.
Etwa fünfzig Meter vor ihnen wartete ein stoppel- und schwarzhaariger junger Mann, schlank und sportlich und sichtlich ungeduldig, dessen Rucksack und Wanderstock ihn ebenfalls als Pilger auswiesen und dessen Englischkenntnisse Florian aus dem Dilemma der Miss- und Unverständnisse befreiten. Paola stellte ihn einstweilen als ihren Bruder vor, machte ihn mit dem Deutschen unter dem Namen Alessandro bekannt und gab nun, da endlich jemand ihre Fragen übersetzen konnte, ihrer Neugier Raum.
Warum der neue Mitwanderer sich für diesen Weg entschieden habe, wollte sie beispielsweise wissen, außerdem sein Alter, ob er verheiratet sei und Kinder habe, ob er sein Leben als Beamter oder Journalist friste oder, wie sie eher vermute, Sportlehrer.
Sportlehrer, wieso Sportlehrer? Florian lächelte zum zweiten Mal, lachte beinahe.
Nun, so sehe er aus und so gefalle er ihr, gestand Paola freimütig.
Obwohl Alessandro mit seinem Schulenglisch kämpfte, ge­lang ihm die sinngemäße Übersetzung dessen, was seine vermeintliche Schwester äußerte, leidlich gut, und Florians wortkarge Englischsätze verwandelte er in vollständige Erzählun­gen, in klangvollem, hektischem Akkord-Italienisch vorgetragen.
Beinahe eine ganze Stunde verging auf diese Weise wie im Fluge. Vor der Pilgerherberge in Cizur Menor – der Deutsche hatte inzwischen kapiert, dass sich hinter den beiden seltsamen Worten nichts als eine Ortsbezeichnung verbarg – verabschiedeten sich die geschwätzigen Südländer, und Paola rückte zudem mit der Wahrheit heraus, nämlich der, dass Alessandro ihr Freund und mitnichten ihr Bruder war. In der Befürchtung, ihre zu Hause wartenden Eltern oder der Ortsgeistliche könnten von der unerlaubten sexuellen Beziehung erfahren, die sie mit dem Stoppelhaarigen unterhielt, verschwieg sie diese Tatsache am liebsten auch Fremden gegenüber. Ihm aber, Florian, könne sie vertrauen, das habe sie schnell gemerkt.
„Buen camino!(Guten Weg!)“ wünschten ihm die beiden heiter und auf Spanisch, und er erwiderte ebenfalls: „Buen camino!“
Darin lag alles, was er brauchte, alles.
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Aus: GESCHICHTEN AUS DER JAKOBSMUSCHEL -
Der Weg zum eigenen Weg, Teil 1, (1. Erzählung)

Der Große Reibach


Zugänglich war er einzig den Auserlesenen. Denn er galt als die sicherste Anlageform größerer Geldmengen, das Absolute, das Höchstvorstellbare. Wie ein unverrückbarer Fels ragte er aus der Brandung des Weltchaos, und die Bank, die ihn verwaltete, glich einer Festung, uneinnehmbar und protzig, von hohen, leuchtenden Alpengipfeln umlagert und beschützt. Noch niemals hatte eine Krise ihn ins Wanken bringen können, weder Kriege noch Ölpreisrekordhöhen, weder Stürme noch Dürrekatastrophen beeinträchtigten die Sicherheit, die er bot. Sein Zerfall war etwa so wahrscheinlich wie die Ausrüstung einer Untergrundarmee in Burkina Faso, die mit nackten Füßen zur Eroberung Europas antrat und dieses Ziel auch erreichte.
Millionäre und Milliardäre reichten den Großen Reibach als Geheimtipp in ihren Klubs weiter. Wer sein Geld woanders unterbrachte, galt unter ihnen als blauäugig, leichtsinnig, ja geradezu dumm. Es gab keine Sicherheit außer diesem Fonds, und die zuverlässigen Eidgenossen waren seine Hüter.
Diktatoren und Massenmörder gierten nach dem Großen Reibach, bedurften dringend dessen schützender Kräfte. So lange sie über genügend Mittel verfügten, half er ihnen, ihre eigene Haut zu retten. Er war gleichsam der Balsam auf die Wunden, die der undankbare Plebs schlagen konnte, denn es schmerzte in der Tat, von den eigenen Untertanen davongejagt zu werden.
Selbst kleine Lichter unbedeutender Mafia-Banden hatten Kenntnis von der Legende um den Großen Reibach. Unermüdlich suchten sie nach geeigneten Verbindungsleuten, Agenten, die ihnen Zugang zu der unzerstörbaren Sicherheit verschaffen konnten. Selbstverständlich mussten sie das Geld reinwaschen, das sie einzuzahlen gedachten; ihr Handwerk aber verstanden sie, und niemand brauchte ihnen zu erklären, wie man dabei vorging. Sorgfältig übernahmen sie ihren Anteil an dem aufregenden Spiel. Scheine und Münzen waren schweigsam, und wer machte sich schon die Mühe, tausende von ihnen im Labor zu untersuchen?
Für die hochgelobten Vielredner aus Rundfunk und Fernsehen, für die lichtscheuen Sonnenbrillenträger und die glattkosmetisierten Normfigurfrauen, die jedermann kennen musste, war es Ehrensache, den größten Teil ihrer Einnahmen im Großen Reibach anzulegen, unbedingt steuersicher. Die armen Finanzämter besaßen weder das Kaliber noch die geringste Vollmacht, ihre gebundenen Hände danach auszustrecken. Im Dschungel der eigenen Regeln hoffnungslos gefangen, hatten die staatlichen Steuerverwalter beschlossen, so zu tun, als gebe es nichts außer dem ihnen zugänglichen Bereich. Wer ihnen folgsam den Stand seiner Geschäfte vorlegte, liefete sich ihrer Macht aus, und das genügte, um sie zufriedenzustellen.
Denn die braven Kleinanleger und Alltagsbürger vernahmen höchst selten die Kunde vom Großen Reibach. Und wenn sie zu einem von ihnen vordrang, schenkte dieser ihr keinen Glauben. Viel lieber vertraute er dem Mann im grauen Anzug, der Lebensversicherungen verkaufte, für die einer weit mehr zahlen musste, als er je zurückerwarten durfte. Auch an das kleine Büchlein hielt man sich, das einem einst die Eltern geschenkt hatten, und das beruhigende Zahlenreihen enthielt. Deren Endsummen wuchsen zwar erheblich langsamer als die Preise für Milch und Rheumadecken, verschafften aber einen friedlichen Schlaf.
All dies waren Tatsachen, die die moderne Welt geschaffen hatte und seit Jahrzehnten festschrieb. Und von aufmerksamen Beobachtern bestätigt wurden, denn jedem stand offenkundig vor Augen:
Die beiden gewaltigen Welthandelstürme in New York waren gefallen, doch der Große Reibach blieb. Das Klima veränderte sich, Gletscher schmolzen, Meer und Erde rumorten, aber der Große Reibach blieb. Kriege und Terror verwüsteten ausgedehnte Landstriche und dicht bevölkerte Städte, doch der Große Reibach blieb. Ideologien gingen unter und Religionen befehdeten sich, doch der Große Reibach blieb. Ölvorräte gingen zur Neige, Währungen tanzten auf den Börsenleitern auf und ab, doch der Große Reibach blieb. Er bildete tatsächlich die einzige, die absolute Sicherheit, den Halt inmitten der tobenden Apokalypse.
Sobald etwas gut ist in der Welt, treten die Miesmacher auf den Plan, die Ungläubigen, die Narren. Sie tun so, als seien sie Propheten, als wüssten sie die Zukunft, als Schamanen und Wahrsager spielen sie sich auf. Fahren mit Autos umher, auf denen Aufkleber mahnen: Geld kann man nicht essen! Dabei hatte der dümmste Bauer aus dem abgelegensten Nest längst bemerkt, dass man mit Geld unglaublich viel mehr Lebensmittel kaufen als verzehren konnte. Lächerlich machten sich die Warnprediger, denn dazu besitzen sie Talent seit jeher.
Dem Großen Reibach schadeten sie nicht.
Den traf das Ungeheuerliche, nicht Denkbare.
Und das begann unter den Wüstendünen von Burkina Faso, braute sich in einer Gegend zusammen, in die sich höchstens wenige Abenteuertouristen vorwagten. Doch von diesen suchte keiner nach den gut getarnten Bunkereingängen, hinter denen das Schicksal zu einem schrecklichen Schlag ausholte.
Eine emsige Masse angeworbener, frustrierter und deshalb williger Schwarzer hatte sich hier verschanzt und ließ sich von russischen Spezialisten ausbilden und anleiten. Es war die Vorbereitung zu einer Operation, die vielleicht Jahre bis zu ihrem Endergebnis brauchte, dafür aber so einfach wie genial war. Sie trug den schlichten Namen Heuschrecke, und dahinter verbarg sich nicht mehr und nicht weniger als der Plan zur vollständigen Eroberung Europas durch die ausgehungerten Millionen des schwarzen Kontinents.
Von hier aus sandte man eine Vielzahl von Agenten in die Länder Afrikas, die umherreisten und Europa als Menschheitsparadies anpriesen. Da Werbesprüche die trägen, ausgemergelten Ziegenhirten unter den Affenbrotbäumen kalt ließen, überzeugte man sie am besten mit mittelschweren Bürgerkriegen, denn es gab nur wenige Wasserstellen für viele Durstige und auf diese Weise immer etwas Brauchbares zu erobern. Grausame, lang andauernde Fehden erzeugten stattliche Flüchtlingsströme.
Im Laufe weniger Jahre wuchs der Erfolg der Agenten ins Ungemessene. Ganze Länder entvölkerten sich, und ihre Bewohner waren unterwegs, um auf abenteuerlichen Wegen die endlose Sahara zu durchqueren und den Garten Eden zu erreichen. An den Küsten stellten Millionen von Fischern ihre Boote zur Verfügung, um Passagiere über das Meer zu steuern. Sie scheuten weder Pro­viantknappheit noch widriges Wetter und kalkulierten hohe Verluste. Es gab nichts zu verlieren, und der Tod versprach Erlösung, selbst wenn er im kalten Wasser eintrat und nicht über dem heißen Wüstensand.

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Aus: GESCHICHTEN AUS DER JAKOBSMUSCHEL -
Der Weg zum eigenen Weg, Teil 1, (4. Erzählung)

Die Geschichte vom unmöglichen Pfarrer

 

Länger als zehn Jahre habe ich in Niedersachsen gewohnt, zwei davon in Hannover und acht in einem kleinen Nest, vielleicht vierzig Kilometer entfernt. Ursprünglich hatte ich Arbeit in einer Autowerkstatt gesucht, doch das klappte alles nicht so richtig.
Nun war aber die Kirchgemeinde dort sehr munter und rege, und wenn sie merkten, dass es einen Ausländer im Ort gab, haben sie sich beinahe darum gestritten, wer sich als erster um diesen Menschen kümmert. Deshalb dauerte es auch nicht lange, bis ich eine Anstellung als Kirchenbediensteter bekam, Allround-Hausmeister oder wie man es eben nennen will. Ich war für alles zuständig, wozu in der Kirche und im Pfarrhaushalt jemand mit handwerklichen Fähigkeiten gebraucht wurde. So bin ich gewissermaßen die rechte Hand des Pfarrers selbst geworden und hab ihn ziemlich nahe kennengelernt. Abendelang haben wir beim Wein gesessen und geschwatzt, so dass ich mich wie ein Teil der Familie gefühlt habe.
Er war ein ungewöhnlicher Mensch. Unglaublich sportlich beispielsweise. Niemals vorher hatte ich mir einen geistlichen Herrn vorstellen können, der imstande wäre, bequem dreißig Meter weit im Handstand zu laufen. Dieser Dorfpastor aber ging sogar gelegentlich auf Stelzen durch den Ort, bis zum Bäcker nämlich und zurück. Das tat er, obwohl es den Leuten nicht so recht gefiel und er das wusste. Er kam ihnen wahrscheinlich nicht seriös genug vor, und wenn einer ihnen von der Kanzel zupredigte, sollte er sich doch gefälligst gesetzt benehmen und nicht wie ein Spaßmacher. Seinen zwei Söhnen hat er das Stelzenlaufen ebenfalls beigebracht, das ist überhaupt keine Frage. Seine Frau konnte dem allerdings nichts abgewinnen, und ich muss gestehen: auch ich nicht.
Nebenbei übte er täglich Klimmzüge an einer Stange, die er sich eigens zu diesem Zweck im Korridor des Pfarrhauses hatte anbringen lassen, von mir persönlich. Er war etwa Eins Fünfundsiebzig groß und schaffte gut sechzig hintereinander. Die Leute konnten eigentlich stolz auf so einen sein, aber ich glaube, sie tratschten lieber und zogen über ihn her. Immerhin, und das brauche ich wohl kaum hinzuzufügen, war er deshalb ja auch ein Frauentyp.
Die jungen Leute zog er an, die kamen sonntags in die Kirche. Die Alten blieben immer öfter weg. Das Dumme war nur: Es gab ziemlich wenig jüngere Menschen in dem Dorf; sobald einer die Schule fertig hatte und Arbeit suchte, ging er eben fort.
Ihn predigen zu hören, war eine Sahne. Er hat sich ja öfter vergriffen, ich meine, im Ton. Ihm war nicht klar, dass er Bauern vor sich hatte. Da nimmt er so eine Geschichte aus dem Neuen Testament, die sich mit Landwirtschaft befasst, ich schätze, es war was, was Jesus über einen reichen Bauern gesagt haben soll. Der sich Vorräte anlegte, wenn er viel geerntet hatte. Macht jeder, ist völlig normal. Unser Pfarrer zieht aber ungefähr so vom Leder:
Ihr braven guten Leute, was bildet ihr euch ein? Scheffelt schön Geld auf euren Konten wie Getreide in euren Scheunen. – Na und? Knall-fall kommt eine Wirtschaftskrise – vor Jahren tat’s auch mal ein Krieg –, und das Geld auf den Kon­ten ist dahin. Oder ein Fünfzehnjähriger schmeißt eine glühende Zigarettenkippe in die offene Scheunentür, und der ganze Laden geht in Flammen auf. Das habt ihr von eurer Vorrats- und Altersabsicherungswirtschaft! Jesus spannt den Bogen gleich so weit, dass der Bauer stirbt, aber das wollen wir mal lieber nicht ausbauen. So ein Freudenfeuer in der Scheune reicht schon, das sagt doch alles! Worum also geht’s? Nicht um das, was ihr habt, meine lieben Schwestern und Brüder, sondern um das, wer ihr seid! Das ist nämlich der Angelpunkt, der Augenblick, wo der Hahn die Henne tritt. Daran müsst ihr arbeiten, wenn ihr Gott auf eure Seite kriegen wollt, versteht ihr? – Ach, ich merk schon, viel versteht ihr nicht. Die Hoffnung aber höret niemals auf.
In diesem Sinne also, liebe Schwestern und Brüder, möge der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bei euch bleiben! Amen.
So oder ähnlich klangen die Predigten, die der gute Mann vom Stapel ließ. Manchmal war er polteriger, manchmal witziger. Er schrieb sie auch nicht vorher auf, er redete einfach frei von der Leber weg, so wie es ihm einkam. Und damit schuf er sich unglaublich viele Gegner, aber das kümmerte ihn anscheinend nicht.
Sie haben ihn an höherer Stelle angeschwärzt, aber er blieb. Die Trumpfkarte Jugend zog er immer, wenn sie kamen und hospitierten, ihn sozusagen ins Verhör nahmen. Die Jugend in dem Dorf aber, das waren nicht mal zehn Leute.
Seine Frau hat um ihn Angst gehabt. Sie wollte ihn immer bremsen. Aber er ließ sich nicht bremsen. Vielleicht weil er eben auch so sportlich war.

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Aus: GESCHICHTEN AUS DER JAKOBSMUSCHEL -

Der Weg zum eigenen Weg, Teil 2 (3. Kapitel des Rahmenromans)

Florian schwieg einige Minuten, während die letzten Sätze des Lübeckers in ihm nachklangen.
„Ich verstehe nicht, dass du noch mal geheiratet hast“, murmelte er schließlich. „Nach derartigen Erlebnissen und wie du so über Frauen denkst…?“
„Nun, sie ist eine Schöne“, versuchte Hendrik zu erklären. „Obwohl auch schon über sechzig. Eine schöne Frau ist nicht wie alle, sie ist völlig anders. Ich kann hässliche Frauen nicht ausstehen.“
„Aber nun machst du den Weg, weil du die Ehe nicht länger aushältst“, stocherte der Leipziger waghalsig.
„Ich muss mal raus, das ist alles“, versetzte der Lübecker. „Habe bisher nie daran gedacht, gerade diesen Weg hier zu gehen, aber ein Nachbar hat ihn in den höchsten Tönen gelobt. Na, da wollte ich es eben versuchen und ich habe mich auch mächtig unsicher gefühlt. Aber jetzt… Bin einfach gespannt, was er bringt. Wollen wir weitergehen?“
„Es ist ganz schön heiß“, wandte Florian ein. „Die nächste Herberge ist erst in Hontanas und das sind mindestens zehn Kilometer.“
„Die schaffen wir doch locker“, meinte Hendrik. „Mit einem netten Gesprächspartner wie dir… Außerdem weht ein leichter Wind.“
Florian sah den Maler von der Seite an. Es war schwer, einen Mann wie ihn richtig einzuschätzen. Nach jener Erzählung mochte er ein ziemlich Verrückter sein, ein Draufgänger auch, ein Mensch der spontanen Entschlüsse. Aber in unbekannter Gegend benahm er sich mindestens ebenso unsicher wie andere auch.
„Hey, mates! Tired or only lazy? (He, Leute! Müde oder bloß faul?)“ Ein großer, rotgesichtiger Mann stand vor den beiden Deutschen und stieß Florian mit seinem Fuß.
„That’s none of your business! (Das geht dich nichts an!)“ erwiderte Florian schlagfertig. „Who are you asking us such questions? (Wer bist du, dass du uns derartige Fragen stellst?)“
„John from Christchurch, New Zealand (John aus Christ­church, Neuseeland)“, stellte der Rotgesichtige sich vor. „I’ve got enough for today. Gonna stay here at the Albergue over there (Ich habe genug für heute. Werde hier bleiben, in der Herberge da drüben).“
Der Leipziger war begeistert, jemanden zu treffen, der vom anderen Ende der Weltkugel kam, um diesen Weg zu gehen. Außerdem fühlte er sich versucht, ebenfalls in Hornillos zu bleiben, um diesen Neuseeländer näher kennenzulernen. Doch es war nicht minder spannend, Hendrik zu begleiten.
Nach weiterem kurzem Wortwechsel verkündete Florian dem Mann aus Christchurch, dass er sich zwar über die neue Bekanntschaft freue, aber noch frisch sei und etwas weiter kommen wolle. Dann schulterte er den Rucksack, verabschiedete sich und brach gemeinsam mit dem Maler aus Lübeck auf, um die letzten zehn Kilometer des ersten Pilgertages in Angriff zu nehmen.
Kaum hatten sie Hornillos verlassen, ging die Landschaft mehr und mehr in das über, was viele der Pilger als „Wüste“ bezeichneten. Hier gab es kaum noch Bäume oder Sträucher, sondern einzig Staub und Steine und die Stoppeln abgeernteten Getreides. Schattige Plätze wurden außerordentlich rar und der Wind, der ihnen in den Straßen der Ortschaft noch durchaus kühl erschienen war, führte backofenartige Hitze mit sich. Leicht, aber stetig, stieg der Weg an und wand sich schier endlos um kahle Hügel, ohne ein lohnenswertes Ziel preiszugeben.
Die beiden deutschen Pilger begegneten Anna, einer jungen Polin, die hervorragend Englisch sprach und aus Oświęcim stammte.
„Der polnische Name von Auschwitz“, setzte Florian seinem Begleiter auseinander, nachdem die sportliche Studentin nach kurzem Gespräch ihre glänzende Kondition bewiesen und die beiden Männer hinter sich gelassen hatte. „Komisch, dass sie gerade von dort stammt.“
„Der Ort und das Lager sind nicht identisch, soviel ich weiß“, meinte Hendrik und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Mich wundert eher, dass sie so jung ist und diesen Weg macht.“
„Wenn wir sie noch mal treffen, können wir sie ja fragen, warum“, schlug Florian vor. „Aber ich schätze, da müssen wir ordentlich ranklotzen.“
„Heute wird das nichts mehr, das gebe ich gern zu“, seufzte Hendrik. „Ich brauche unbedingt noch mal eine Pause. Und außerdem habe ich in Hornillos vergessen, meine Wasserflasche aufzufüllen.“
„Kannst was von mir haben“, versetzte Florian gönnerhaft. „Ich mache gerne mit bei einer Pause. Bloß kann man sich hier nirgends setzen, es gibt ja keinen Schatten.“
„Da vorn der Busch vielleicht“, murmelte der Lübecker hoffnungsvoll. „An der Biegung.“
Der Sachse nickte.
„Weiter drüben ist es grüner und es sieht aus, als stünde dort ein Haus, aber wer weiß, was es für eine Ruine ist. Wenn es Hontanas wäre, hätten wir es geschafft, aber das ist unmöglich.“
„Eine Oase in der Wüste vielleicht“, vermutete Hendrik nicht ohne Skepsis. „Zu weitab vom Weg als dass ich Lust hätte, mich bis dort rüber zu bemühen.“
So rasteten sie hinter einem niedrigen Busch etwa drei Meter vom Weg entfernt, auf gelben Grasresten und harten Weizenstoppeln.
„Schätze, es sind immer noch fünf oder sechs Kilometer“, befürchtete Florian einigermaßen mutlos. „Ich fürchte, mir reicht’s für heute.“
„Wir werden es doch wohl bis Hontanas schaffen“, wandte Hendrik ein. „Hier draußen schlafen will ich auch nicht unbedingt.“
„Man kann da drüben übernachten“, ließ sich eine Stimme vom Weg her vernehmen.
Dort stand ein drahtiger Mann mit Hut und wies auf das baumumstandene Haus in der Senke, das Hendrik als Oase bezeichnet hatte.
„Tatsächlich?“ Florian grinste. „Wenn ich mir nichts aus Ratten und Spinnweben mache, vermutlich.“
„Das ist kein Witz“, beharrte der Drahtige. „Ich war dort schon mal, vor Jahren. Die Oase von San Bol, eine Alternativherberge.“
„Was bedeutet das?“ wollte nun auch Hendrik wissen.
„Nun, kein Strom, keine Toiletten und Wasser aus einer Quelle. Nicht für jeden, aber es ist sehr schön da.“
„Haben sie Betten?“
„Ein paar Betten im Haus und dann stehen da meistens noch Zelte“, beschrieb der Drahtige. „Ich geh jedenfalls hin. Wenn ihr mitkommen wollt…“
Sie wollten. Ihre Kleidung triefte vor Schweiß, ihre Füße schmerzten und dampften und weitere sechs Kilometer erschienen ihnen wie eine Weltreise.
„Eigentlich ist es ein Insider-Tipp“, erklärte ihr Führer, dessen Deutsch zwar nahezu perfekt war, ihn aber durch seinen Akzent als Holländer entlarvte. „Wer einmal dort war, geht immer wieder hin. Nicht bloß als Pilger, einfach so.“
Er hieß Jan, war in Utrecht geboren, sprach fließend sechs oder sieben Sprachen und behauptete, die ganze Welt schon bereist zu haben. Den Weg nach Santiago aber wolle er gehen, um zu sich selber zu finden. Er müsse lernen, nach innen zu sehen, weil ihm das Außen nichts mehr gebe.
Als das Stoppelfeld endete, überschritten sie eine niedrige Mauer und gelangten auf eine üppig grüne Wiese, deren Gras wohl niedrig, aber sehr dicht war. Einige Meter vor ihnen plätscherte Wasser aus einem Rohr in ein ummauertes Bassin, hinter dem sechs oder sieben Zelte standen. Oberhalb davon aber erhob sich ein Haus, auf dessen Veranda einige Leute um einen Tisch versammelt saßen, die augenscheinlich eine entspannte Kaffeemahlzeit genossen.
„Das Wasser kann man trinken“, beschrieb Jan eifrig. „Oder drin baden, je nachdem. Ist kalt, aber sehr sauber.“
„Ich spring rein“, erklärte Florian. „Wenn es keine Duschen gibt, muss ich ja. So wie ich geschwitzt habe.“
„Was, einfach so?“ entfuhr es Hendrik. „Nackig?“
„Na, eine Badehose habe ich auf die Pilgerfahrt nicht mitgenommen.“ Florian lachte. „Bin außerdem EffKaKa-Bader, schon viele Jahre.“
„Das ist in Spanien bestimmt nicht überall erlaubt, aber hier schon“, meinte Jan belustigt und bestätigend. „In San Bol kannst du dich benehmen wie ein Hippie. Deswegen ist es auch ein Geheimtipp.“
„Und Toiletten gibt’s nicht, sagst du?“ Hendrik blickte sich suchend um.
„Dort hinter den Büschen, auf dem Feld.“ Jan hob den Arm und wies in die Richtung, die er meinte. „Vielleicht nicht übermäßig bequem, aber auch romantisch.“
„Du nennst es also ,romantisch‘, wenn Fliegen und Wind um deinen Arsch surren“, brummte Florian, dessen Begeisterung abflaute. Zeit seines Lebens hatte er Spülklosetts benutzt und nicht einmal während seines Armeedienstes waren in dieser Hinsicht Abstriche von ihm verlangt worden.
„Melden wir uns erst mal an“, schlug Hendrik vor und sie schritten alle drei zum Haus hinüber.
Am Tisch auf der rohgemauerten Veranda saßen zwei Männer beim Kaffee, die sich in einem Gemisch von Spanisch und Französisch angeregt unterhielten und die Neuankömmlinge nur flüchtig begrüßten.
„Who’s the boss? (Wer ist der Chef?)“ fragte Florian, der sich nicht damit abspeisen lassen wollte.
„Me (Ich)“, antwortete eine klangvolle Frauenstimme hinter ihm und ließ ein herzliches Lachen folgen. „I am the boss. (Ich bin der Chef.)“
Der Leipziger fuhr herum und hielt unwillkürlich den Atem an. Im halboffenen Eingang stand eine selbstbewusste, wohlproportionierte Schönheit mit leuchtenden Augen.
Nun aber mischte sich Hendrik ein und fragte, ebenfalls auf Englisch, ob jeder von ihnen ein Bett haben könnte. Ihre Antwort war verneinend, aber sie erklärte mit unverminderter Heiterkeit, dass, wenn sie trotzdem bleiben wollten, es die Möglichkeit gebe, zwei Matratzen auf dem Dachboden auszubreiten und in einem der Zelte ebenfalls noch Platz sei. Dann stellte sie sich mit dem Namen Júdit vor und bat darum, ihr schlechtes Englisch zu verzeihen, da sie aus Ungarn komme.
Jan, Hendrik und Florian legten ihr die Pilgerpässe vor, um sie stempeln zu lassen. Júdit beschrieb ihnen noch einmal, was sie bereits wussten: kein Strom, kein Leitungswasser und die Toilette auf dem Feld. Aber die Energie sei gut an diesem Platz. Abends gegen halb acht gebe es eine warme Mahlzeit und am kommenden Morgen Frühstück bei Kerzenschein, ebenfalls nicht vor halb acht. Genaugenommen koste es alles nichts, doch einkaufen müsse sie trotzdem. Wer deshalb spenden wolle, dürfe es tun.
Zufrieden und dankbar nickten die Pilger. Florian zerrte zwei Handtücher aus seinem Rucksack und strebte mit Riesenschritten dem kleinen Bassin zu. An dessen Rand hielt er für wenige Sekunden inne, als müsse er nachdenken, was nun zu tun sei.
Doch sein Entschluss war schnell gefasst. Ohne dass ihn die Frauen, die bei den Zelten saßen und ihm aus nächster Nähe zusehen konnten, merklich beeindruckten, entkleidete er sich vollständig, stieg in das eiskalte Wasser und tauchte bis über die Haarspitzen unter.
„Brrrrh!“ Er richtete sich wieder auf und schaute vergnügt in die Runde. Ein köstlicheres Labsal konnte er sich an diesem Tag kaum vorstellen. Die Badewanne eines Fünf-Sterne-Hotels war niemals imstande, mit Mutter Natur zu konkurrieren. Zu schweigen davon, dass Letztere das Quellwasser spendete, ohne einen einzigen Cent dafür zu verlangen.
In diesem Augenblick jedoch befiel den Nackten ein merkwürdiges Gefühl und veranlasste ihn sich umzuwenden. Dort am Weg, der zu dieser Oase führte, höchstens fünfzehn Meter entfernt stand ein außerordentlich hochgewachsener Mann mit Schlapphut, der den gesamten Platz missbilligend musterte. Dabei sprach er kein einziges Wort und als Florian, um die eigentümliche Spannung, die dadurch entstanden war, aufzulösen, „Holá!“ rief, wandte sich der Lange hartnäckig schweigend um und ging weiter.
Ich habe diesen Menschen noch nie gesehen und trotzdem scheint er was gegen mich zu haben, durchzuckte es den Leipziger, den unwillkürlich eine Gänsehaut überlief, denn er befürchtete, die ganze Zeit beobachtet worden zu sein. Er tauchte ein zweites Mal unter, bevor er das Becken wieder verließ, sich langsam abtrocknete und anzog.
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Aus: GESCHICHTEN AUS DER JAKOBSMUSCHEL -

Der Weg zum eigenen Weg, Teil 2, (11. Erzählung)

Der Preisträger


Schon bei seiner allerersten Lesung deutete sich Ernst-Walter Himmelwahns überragendes Genie an. Das Publikum war ihm wohlgesonnen. Über dreißig Personen füllten das kleine Lokal, in dem der Dichter auftreten durfte, so dass die Sitzgelegenheiten nicht ausreichten und Stuhlnachschub aus den Nachbarräumen herhalten musste. Zufrieden wanderten seine Blicke über bekannte und unbekannte Gesichter. Nun stand er kurz vor seinem hehren Ziel.
„Wenn nur zwei oder drei Ihre Gedichte verstehen, reicht es schon“, hatte ihn Gesine de Bonsuisse gelehrt, eine namhafte Kulturredakteurin. „Der Rest ist sowieso zu dumm, die wahre Essenz guter Lyrik zu begreifen, davon müssen Sie einfach ausgehen.“ (Eigentlich hieß die Dame Gutschweiß, hatte ihren Namen aber zugunsten ihrer journalistischen Karriere geändert, denn mit einem derart plebejischen Etikett kam man nicht weit.)
Daraufhin hatte er erleichtert eben das niedergeschrieben,
was man heutzutage von einem Dichter erwartete, denn er wusste, wie wichtig es war, sich aus der grauen Masse abzuheben.
Und nun, vor diesen dreißig neugierig auf ihn gerichteten Augenpaaren, durfte er es zum Besten geben.
Nachdem ein hagerer, zitteriger Kettenraucher mit Dauerlächeln auf den Lippen die Veranstaltung eröffnet und Ernst-Walter Himmelwahn vielwortig vorgestellt hatte, trat dieser endlich vor das Mikrofon. Er hielt das Blatt mit seinem drittbesten Gedicht in der Hand und begann wild und pathetisch zu deklamieren:

unnachahmlich
gehst du
über den
nördlichen schatten
des
pferdearsches
dann aber
plötzlich
als wären wir
zwei
verschweißt in einer
saftigen fotze
ging mir
früher
die luft aus
wann
wenn nicht du?
Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie die Gesichter der Zuhörer sich vor Anstrengung verzerrten. Ihre Augen flackerten und ihre Ohrläppchen tanzten.
Er gönnte es ihnen.
Solange Helmuch Zach, der begleitende Klavierspieler, zarte Finger über harte Tasten gleiten ließ, hatte der Dichter Pause und durfte sich entscheiden, welches der aufwühlenden Poeme sich als nächstes für das bereits beträchtlich erschütterte Publikum eignete. In der Hoffnung, dass mindestens zwei Drittel der Interessierten der linksintellektuellen Szene angehörten, wählte er diesmal ein politisch brisanteres.
Es hieß Rotlicht am Arsch, und er trug es weit ausdrucksvoller vor als das erstere.
falls wir
er und du
seit an seit
vermeiden
könnte
niemand
in die arabische sonne
fliehen
einzig in cuba
fidels coca-cola-büchse
rührt lenin
den eigenen schlaf
an
und hemingway schreit nach
meer
Himmelwahn rang nach Atem. Die Gewalt seiner eigenen Worte hatte ihn mitgerissen, ja beinahe umgeworfen. Die dreißig Leute vor ihm, deren Anstrengung sich steigerte, waren ihm gleichgültig geworden.
Wiederum gewährte ihm der Klavierspieler eine wohlverdiente Pause, während der er sich innerlich bebend vorstellte, wie Hemingway nach Meer schrie. Jammerschade, dass zu diesem heiklen Sujet keine saftige Fotze passte. Es war eben viel zu politisch.
Mit einem grandiosen Liebesgedicht wollte Himmelwahn den Auftritt abschließen und krönen. Mehrere Wochen hatte er daran gefeilt und getüftelt und er glaubte nicht, dass ein Außenstehender auch nur die geringste Vorstellung besaß, welch unglaubliche Arbeit, wieviel Mühe und Schweiß in so wenigen Zeilen steckten.
o du
blutfahles mondkind
kuh und kalb
gleichermaßen
weißgliedrig
im tau
des nebelsommers
schreckhaft
zitternd
orgiastisch
krächzend
gleitest du mir
aus dem
gedächtnis
verkniffen die fragenden
blassgelben
pobacken
o vergiss mich
denn
erektion ist
glücksspiel
Sie applaudierten erleichtert. Beim nächsten Mal würden sie Bravo! rufen, Da capo! oder Zugabe!
Herablassend betrachtete er sie. Vielleicht würden sie dermaleinst verstehen. Vorerst mochte es genügen, wenn sie ihm huldigten.
Der hagere Kettenraucher wies auf das dünne Bändchen hin, das neben dem Eingang zum Verkauf auslag. Ein namhafter Lyrikverlag hatte es herausgegeben, denn dessen Lektor kannte Himmelwahn seit langem und wusste Qualität zu schätzen. Dass niemand das Büchlein kaufte und signieren ließ, verzieh der Dichter den Leuten. Er wusste, wie schwer es das Große und Zukunftsweisende, das wahrhaft Künstlerische hatte, in die bäuerischen Hirne der unzähligen Otto Normalverbrauchers einzudringen. Ebensogut mochte es sein, dass er, Himmelwahn, seiner Zeit zu weit voraus war, und auch das sprach für den kaum messbaren Wert dessen, was er geschaffen hatte.
In seine Klause – ein Zwölf-Quadratmeter-Zimmer in einer Plattenbauwohnung, das er als Untermieter bewohnte – zurückgekehrt, warf er sich auf das Sofa und plante die nächstnötigen Schritte, um den durchschlagenden Erfolg weiter auszubauen.
Ein Telefonat mit Frau de Bonsuisse bestätigte ihn ungemein.
„Die ,saftige Fotze‘ ist es“, schwärmte sie. „Danach lechzt das Publikum, das heutzutage zumeist aus sexuell frustrierten Spießern besteht.“
„Na ja“, wandte er ein, dem letzten Rest des Zweifels nachspürend, der an ihm nagte, „manchmal denke ich, ich sollte mich klarer und verständlicher ausdrücken, damit ich wenigstens selber weiß, was ich gemeint habe. Falls mal jemand danach fragt.“
„Quatsch!“ beruhigte sie ihn energisch. „Niemand wird je danach fragen. Es wird einfach niemand wissen, wonach er in diesem Falle fragen müsste. Kunst zu verstehen ist nicht jedermanns Sache, und das ist ein wesentlicher Trumpf auf seiten des Künstlers. Weiter so, Verehrtester, weiter so! Ich schlage übrigens vor, das Gedicht mit der ,saftigen Fotze‘ einzusenden. Für den Kurt-Kauzig-Poesiepreis.“
Da beging der arme Ernst-Walter Himmelwahn einen Fauxpas.
„Wer war denn Kurt Kauzig?“ fragte er unwillkürlich.
„Also, mein lieber Ernst-Walter!“ entrüstete sich Gesine de Bonsuisse, in deren Stimme jedoch unbegrenzte Vergebungsbereitschaft mitklang. „Wie ist es möglich, dass Sie ihn nicht kennen? Einen der tiefgründigsten Dichter und Denker der Avantgarde? Nur wegen ihm scheiterte Karl Schramm am Literaturnobelpreis, vielleicht kennen Sie wenigstens den? Ich rate Ihnen jedenfalls eines und das unbedingt: Legen Sie Ihre provinziellen, kleinbürgerlichen Denkweisen ab! Geben Sie Ihrem Gedicht mit der ,saftigen Fotze‘ einen anständigen Titel und senden Sie es ein, Sie sind der Kandidat für den ersten Preis, glauben Sie mir!“
Ernst-Walter Himmelwahn biss sich auf die Unterlippe. Er hoffte inständig, die Dame nicht mit seiner unverbesserlichen Provinzialität verärgert zu haben. Bis aufs Kleinste kannte sie sich in der Szene aus, und er war eisernen Willens, für sie all seine kleinbürgerlichen Allüren abzulegen. Es genügte bereits, wenn sie ihm das Du anbot, doch wenn er den Preis errang, war sie vielleicht sogar bereit, mit ihm zu schlafen.
So dachte er drei Wochen intensiv nach, aß und ruhte nur so viel wie unbedingt nötig und betitelte sein drittbestes Gedicht mit dem vielsagenden Wort Gestern. Eine weitere Woche ließ er es reifen und rang um die Entscheidung, ob er es nicht lieber doch Anklage nennen sollte. Das aber erschien ihm nicht nur zu grob und direkt, sondern auch kontraproduktiv. Schließlich wollte er das latente Spießertum des Lesers schonungslos entlarven.
Mit einem schweren, hoffnungsvollen Seufzer sandte er es ein.
Leider brauchte die Jury ein gutes halbes Jahr, bis sie eine Entscheidung fällte, und er musste damit rechnen, dass mindestens zweieinhalbtausend weitere Einsendungen mit der seinen konkurrierten. Die Wartezeit machte ihn krank.
Als er fiebernd und von Medikamenten aufgedunsen in der Matratzengruft lag, die er sich geschaffen hatte, besuchte ihn Hedwig Himmelwahn, seine Mutter.
„Vielleicht hättest du ein wenig Sport treiben sollen zum Ausgleich“, regte sie an. „Oder dir einen Nebenerwerb besorgen. Dein Vater und ich, wir können nicht unser Leben lang für deinen Unterhalt aufkommen.“
„Ich werde den nächsten Poesiepreis gewinnen“, versprach er heiser. „Er ist mit fünftausend dotiert. Das ist nur ein Anfang, danach bekomme ich ein Stipendium und einen Vorschuss vom Verlag.“
„Oh, einen Vorschuss!“ rief sie erfreut. „Dann verkauft es sich wohl schon recht gut, dein erstes Buch?“
„Nun ja, man muss bedenken, dass der größte Teil unserer Landsleute nicht gerade sonderlich intelligent ist“, wandte er ein. „Kunst ist eine große Sache und wird nur zu oft missver­-
standen. Deshalb kann es eine Weile dauern, doch der Verlagschef und der Lektor sind sehr zuversichtlich. Ganz besonders aber Frau de Bonsuisse, die mir in letzter Zeit sehr geholfen hat.“
„Darf ich das Gedicht mal sehen, dass du eingesandt hast?“ bat Hedwig neugierig und lächelnd. „Damit ich auf meinen Sohn stolz sein kann?“
„Auf einem der Blätter, die auf dem Tisch herumliegen, steht es“, erklärte er zerstreut. „Es heißt ,Gestern‘.“
Hedwig fand und las und knüllte das Papier zusammen.
„Der reinste Blödsinn!“ entschied sie.
„Du verstehst es nicht!“ urteilte er.
Eine Stunde später ging sie. Bevor er, aus der körperlichen Krise genesen, in die seelisch-geistige stürzte, verzieh er ihr großmütig. Selbstverständlich war sie in der Provinz aufgewachsen, eine Spießerin, wie sie im Buche stand; sie wusste es wahrlich nicht besser.
Gesine de Bonsuisse hingegen kam da schon anders daher; sie besuchte ihn genau im richtigen Augenblick, so dass er sich bereit erklärte, das Fenstersims zu verlassen und sich nicht auf das Straßenpflaster zu stürzen. (Da sich sein Zimmer im ersten Stock befand, konnte ein ungeschickt ausgeführter Selbstmord zu irreparablen Verletzungen führen.)
„Halten Sie durch, Ernst-Walter!“ mahnte sie. „In vier Wochen ist Preisverleihung. Sie haben gute Chancen, auf die Jury ist Verlass.“
„Hmmh!“ erwiderte er matt.
„Doch, doch, fassen Sie Mut!“
Sie schüttelte ihn.
„Vielleicht hätte ich etwas dichten sollen, was mehr Leute verstehen.“ An ihm nagte der Zweifel. „Meine Mutter…“
„Ihre Mutter?“ rief die Redakteurin aus. „Vergessen Sie Ihre Mutter! Und vergessen Sie die Leute! Für wen wollen Sie schreiben, für ihre Mutter, die Leute, oder lieber… für die Zukunft? Für eine lichtvolle Zeit, in der Kultur so viel bedeutet wie das tägliche Brot?! Oh, Ernst-Walter mein Himmelwahn, kommen Sie zu sich! Ihre ,saftige Fotze‘ wird die Wege ebnen.“
„Gestern“, murmelte er, noch immer zweifelnd.
Als sie jedoch ging, atmete er durch und begann wiederum zu hoffen.
Noch einmal, zwei Tage vor der Preisverleihung, geriet er ins Wanken, beim Wiedersehen mit seiner vorletzten Freundin, die neuerdings behauptete, ihn wegen seines Trübsinns verlassen zu haben. Immerhin war sie eine Leseratte, schwärmte von Karl May, Wilhelm Busch und Hermann Hesse, während er sich ärgerte, dass sie hohe Kunst und triviales Geschreibsel aus vergangenen Jahrhunderten in einen Topf warf und gleichermaßen lobte. Auch sie las sein eingesandtes Gedicht, lachte schrill und bekräftigte ihre Weigerung, auch nur noch ein einziges Mal mit ihm zu schlafen.
Endlich aber kam der Tag, der einmalige, unglaubliche Tag, der ihm zu Ruhm verhalf, zur lange vorenthaltenen und bitter verdienten Anerkennung. Wie im Traum vernahm er, dass man seinen Namen aufrief, kaum zu fassen vermochte er, dass es der erste, der Spitzenpreis war, den er errungen hatte! Tränen schimmerten in seinen Augen und er stammelte einige scheue Dankesworte, als er den Pokal entgegennahm.
Dann aber trug er noch einmal sein Gedicht Gestern vor, und die übermenschliche, avantgardistische Wucht, die ihn über die unwissenden und kleinbürgerlichen Massen erhob, bannte das Publikum der zum Festakt Geladenen, so dass es atemlos lauschte.
unnachahmlich
gehst du
über den
nördlichen schatten
des
pferdearsches
dann aber
plötzlich
als wären wir
zwei
verschweißt in einer
saftigen fotze
ging mir
früher
die luft aus
wann
wenn nicht du?
Frenetischer Beifall brandete auf. Glücklich und anerkannt stand Ernst-Walter Himmelwahn auf der schmalen Bühne und blinzelte verlegen.
Er hatte es geschafft.
Am Folgetag kamen Mutter und Freundin und brachten ihm Blumen.
„Und?“ fragte er gespannt. „Wie findet ihr mein Gedicht jetzt?“
„Es ist der reinste Blödsinn“, bekannte die Mutter nachsichtig lächelnd.
„Unfug hoch zehn“, bestätigte die Freundin.
Da warf er beide hinaus. Denn nun war ihm klargeworden, dass sie auf sein Preisgeld spekulierten und nur vorsprachen, weil sie auf die Rückzahlung der Summen hofften, die sie ihm einst vorgestreckt hatten.
Gesine de Bonsuisse indes bot ihm das Du an und machte vielversprechende Andeutungen. Und der Verlag teilte ihm vier Wochen später mit, dass sich bereits drei Bücher verkauft hätten.
Ernst-Walter Himmelwahn ging ein Licht auf: Die Käufer waren genau die drei, die sein Gedicht verstanden, und darum beneidete er sie.
.....

Aus: GESCHICHTEN AUS DER JAKOBSMUSCHEL -
Der Weg zum eigenen Weg, Teil 2, (12. Erzählung)

Wie man eine Trennung feiert


Ihre jüngste Tochter war noch keine halbe Stunde aus dem Haus, als Leonhard und Belinda sich in die Augen sahen und nicht wussten, was sie mit dem Rest ihres Lebens anstellen sollten. Siebenundzwanzig Jahre lang waren die Kinder Inhalt und Sinn für jeden einzelnen Tag gewesen. Und diese Zeit war nun zu Ende, von einem Augenblick zum anderen.
„Wenn wir uns wenigstens alt fühlten oder krank wären“, seufzte Belinda ratlos. „Da könnten wir vor dem Fernseher sitzen und Kaffee trinken und die Welt wäre in Ordnung.“
„Ich suche mir neue Horizonte“, behauptete Leonhard nach mehreren Tagen schweigenden Nachdenkens. „Skulpturen schnitze ich aus Baumstämmen, so was wollte ich früher schon tun.“
„Du hast recht“, stimmte Belinda zu. „Normalerweise bin ich ja ziemlich ausgelastet, aber vielleicht könnte ich meine Karriere ausbauen und wenigstens Schuldirektorin werden.“
Danach verstummten sie wiederum und wussten nicht weiter. Statt nach geeignetem Holz zu suchen, verbrachte Leonhard die meisten seiner Leerräume vor dem Fernseher, während sich Belinda zu Hanna-Sophie rettete, ihrer besten Freundin.
„Ihr müsst euch trennen“, riet diese geradeheraus. „Ihr seid ein abgewirtschaftetes Paar. Danach sind neue Horizonte möglich.“
„Siebenundzwanzig Jahre sind eine lange Geschichte“, wandte Belinda ein. „Die wischt man nicht so mir nichts dir nichts beiseite. Getrennt und fertig. Leonhard ist ein guter Mann, ich kann ihn nicht plötzlich hassen und loswerden wollen.“
„Es geht nicht darum, ihn loszuwerden“, erwiderte Hanna-Sophie einfühlsam. „Löse dich einfach von ihm. Verwirkliche dich.“
Sie selbst war fünf Jahre älter als Belinda, seit ebenso langer Zeit geschieden und hielt sich einen erheblich jüngeren Liebhaber.
„Sich lösen? Ohne Streit? Ohne Anwalt und all das Zeug?“
„Du hast es erfasst.“ Hanna-Sophie lachte. „Du kannst es sogar feiern.“
„Was, die Trennung?Wie soll ich denn so was feiern?“ Belinda verstand immer weniger.
„Was weiß ich? Unternehmt was gemeinsam, was ihr noch nie gemacht habt. Holt was nach. Und dann geht ihr auseinander. In Frieden, ohne Geschirrwerfen und Blutvergießen.“
Hanna-Sophies Worte klangen so schön wie weltfremd. Wusste sie tatsächlich, wie man mit derartigen Lebensphasen umging? Belinda war außerordentlich verwirrt, als sie nach Hause zurückkehrte, nicht ohne sich drei verschiedene Ratgeber-Bücher ausgeliehen zu haben.
Da sie nicht fürchten musste, gestört zu werden, denn Leonhard saß gewöhnlich bis in die Nacht hinein vor dem Fernseher, vertiefte sie sich noch am selben Abend in die neue Lektüre. Um Sex ging es da, um ausgefallene Ideen, um frischen Wind, der durch die Schlafzimmer wehen sollte und nicht nur dort.
Hanna-Sophie hatte ihr vermutlich in der Eile etwas mitgegeben, was nicht zu ihrer – Belindas – Situation passte. Trotzdem fand die Leserin die Sache hinreichend spannend und vergnüglich.
Was manche Leute so alles ausprobierten! Fesselspiele, Ölmassagen, tausend Spielzeuge und Telefongestöhn! Ihr Blut pochte hinter den Schläfen, während sie mit dunkelrotem Gesicht Seite um Seite verschlang.
Als sie endlich das Licht ausknipste und bereit war, eine Lesepause einzulegen, ließ sie ihre Fingerspitzen unter das Nachthemd gleiten und begann, ihren Körper zu erforschen. Obwohl sie bereits dreiundfünfzig Jahre alt war, fühlte sich ihre Haut immer noch glatt an. Dabei wurde ihr bewusst, dass Leonhard sie lange schon nicht mehr berührt hatte, jedenfalls nicht so. Und als er endlich ins Bett kam, sich wortlos neben sie legte und augenblicklich zu schnarchen begann, wurde die Sache keineswegs besser.
In dieser Nacht schlief Belinda nicht eine einzige Minute lang. Tränen rannen über ihr Gesicht, während eine beinahe vergessene Lust sie beutelte. Vieles hatte sie verpasst in ihrem Leben und obendrein zur falschen Zeit das falsche Buch zu lesen begonnen.
„Wir müssen uns trennen“, sagte sie am Frühstückstisch zu Leon­hard. „Das ist das Beste, glaube ich.“
„Wenn du meinst“, war dessen gleichmütige Antwort. „Wann sollten wir damit anfangen?“
„Am Wochenende“, schlug sie vor. „Wir feiern das Ganze.“
„Feiern?“
„Ja“, wiederholte sie, während sich ein kaum merkliches Lächeln auf ihrem Gesicht abzeichnete. „Wir gehen essen.“
Sie hatte es beschlossen und er war einverstanden. Mit der Trennung und der Feier. Der Rest hing nur noch vom Gelingen ihres Planes ab.
Es war der Sommer, der sie auf die Idee gebracht hatte. Die zärtlichen, warmen Nächte der zweiten Junihälfte. Und die prickelnde, heiße Lust, die gut gedieh in dieser Luft, von dem Buch der Freundin geweckt und ständig neu geschürt.
Belinda konnte nicht sicher sein, ob Leonhard etwas gespürt oder anderweitig wahrgenommen hatte. Er ließ sich jedenfalls nichts anmerken und gab sich wie immer, morgens darauf erpicht, in sein Büro zu gelangen und abends müde und in sich gekehrt.
Sie hatte sich alles zurechtgelegt, noch bevor der Samstag anbrach. Zum Inder würden sie gehen, das stand für sie fest. Erstens war sie schon zwei- oder dreimal dort gewesen und zweitens gefiel ihr der Restaurantinhaber außerordentlich gut: ein hochgewachsener, braunhäutiger Mann in den mittleren Jahren mit diskretem Benehmen und liebenswürdigem Akzent. Zur Sicherheit ließ sie obendrein zwei Plätze reservieren.
Glücklicherweise hatten die Sommerferien in diesem Jahr zeitig begonnen, so dass die hektischsten Tage an der Schule vorüber waren und Belinda ein wenig entspannen konnte. An Urlaub wäre ohnehin nicht zu denken gewesen, denn Leonhard war Architekt und seine Auftragslage gab ihm zur Zeit weder Grund zum Jubeln noch Ambitionen für „Sondervergnügungen“, wie er das nannte.
Dann kam der Tag der Feier und Belinda begann beizeiten, sich schön zu machen. Sie badete in mit Duftölen angereichertem Wasser und pflegte ausgiebig ihre Haut, bevor sie zu Lippenstift und Wimperntusche griff. Zuletzt schlüpfte sie in ihr kurzes, weinrotes Sommerkleid, das mindestens das obere Drittel ihres Busens frei ließ und die gute Hälfte ihres Rückens. Während einer der vergangenen Urlaubsreisen hatte sie dieses Teil erworben und sehr selten nur getragen, so dass sie nicht wusste, ob man es überhaupt noch als modisch bezeichnen konnte. Für ihr Vorhaben spielte dieser Aspekt jedoch nur eine geringe Rolle, wogegen es ihr weit wichtiger erschien, auf Unterwäsche völlig zu verzichten.
Das hatte sie bislang noch niemals in ihrem Leben getan und über den Effekt, den das ungewohnte Gefühl auslöste, erschrak sie beinahe. Augenblicklich strömte das Blut doppelt so schnell durch ihre Adern und sie hörte ihr Herz laut klopfen, während ihre Hände zu zittern begannen. Ihre Brüste und deren Spitzen richteten sich dermaßen auf, dass sie fürchtete, der Stoff des Kleides könne reißen,

.....

...............

Weitere Leseproben wurden von unserer Assistentin Marion Christiansen auf ihrer privaten Homepage in der dortigen >Leseecke< veröffentlicht.

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