Aus: GESCHICHTEN AUS DER JAKOBSMUSCHEL -
Der Weg zum eigenen Weg, Teil 3, (Rahmenroman)


Vielleicht werde ich eines Tages verstehen, dass
die Menschen immer zur rechten Zeit an dem Ort
ankommen, an dem sie erwartet werden.

                                                                   Paulo Coelho

Santiago de Compostela barg nur wenige Geheimnisse, wenn man bedachte, welchen Ruf das weltbekannte iberische Pilgerfahrtsziel genoss, besonders seit dem Beginn des neuen Jahrtausends. Innerhalb einer Viertelstunde hatte Florian die Altstadt durchquert, eine Musik-CD und eine Tarta de Santiago* erstanden und zwei Straßenmusikern jeweils eine Münze gespendet. Den Klageliedern dreier Bettlerinnen hatte er tapfer widerstanden, weil er irgendeine hinterhältige Masche befürchtete.
Als er diese Stadt zum ersten Mal gesehen hatte, war er so sehr mit den Ereignissen beschäftigt gewesen, die sein eigenes Schicksal betrafen, dass er ihr Licht und ihren Schatten kaum hatte wahrnehmen können. Seiner Neugier musste er es verdanken, dass er nun wiederum auf der Praza do Obradoiro stand und die angekommenen Pilger gewissermaßen von außen betrachtete. Wie die meisten von ihnen hatte auch er sich im vergangenen Jahr vor der großmächtigen Kathedrale fotografieren lassen, in deren Innerem die Jakobusstatue stand, die beinahe pausenlos von zahllosen Wunderdurstigen umarmt wurde. Nun aber fiel ihm auf, dass das Gebäude sichtlich reparaturbedürftig war und auf seinen Mauer­vorsprüngen und Türmen genügend fruchtbaren Boden für die verschiedensten Kräuter und Gräser bot.
Was war es demnach, welche Kraft trieb Pilger wie Touristen, die Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr hierher kamen in der unverkennbaren Erwartung, sich einem Geheimnis zu nähern? Vor kurzem noch war Florian einer von ihnen gewesen und Bettina, die in der kleinen Pension in der Rúa da Algalia de Arriba auf ihn wartete, ebenfalls.
Geheiratet hatte er die einstige Wandergefährtin nicht, aber er konnte sich nicht vorstellen, sich jemals wieder von ihr zu trennen. Frei und unkompliziert, wie sie war, fühlte er sich durch sie unterstützt und erhoben, erst recht jetzt, nachdem er vor Wochen seinen eigenen Verlag gegründet hatte, mit Hilfe eines alten Freundes, der überraschend aufgetaucht und bereit war, mit seinem nicht unbedeutenden Vermögen das Fundament des kleinen, aufkeimenden Unternehmens zu festigen.
Florians Erinnerungen an den Camino waren noch kaum verblasst und kehrten schnell wieder. Er schlenderte von einer Steinbank zur nächsten und musterte die Menschenscharen, die am späten Vormittag auf den Platz strömten.
Jeder von ihnen, der als Pilger hier ankam, erlebte einen oder bisweilen sogar mehrere Tage großer Freude, je nach Person und Charakter. Doch wer länger hier verweilte, begriff nur zu bald, dass weder die Kathedrale noch die Stadt das ersehnte Mysterium enthielten, sondern der Weg selbst. Viele ertrugen dieses Gefühl nicht und bestanden deshalb darauf, weiterzugehen, bis zum Ende der Welt, dem Kap Finisterre oder Fisterra, wie die Galizier es nannten.
Die wunderschöne Atlantikbucht, die etwa neunzig Kilometer von hier entfernt ein Zusatzziel des Camino bildete, war ein Kleinod landschaftlicher Schönheit und bei ruhigem Wetter strahlte sie etwas aus, was man mit der Bezeichnung „majestätischer Frieden“ nur annähernd beschreiben konnte. In stundenlanger Meditation saßen ihre Betrachter an den Abenden versunken auf den Felsen und blickten nach innen, auf’s Meer hinunter oder zur sinkenden Sonne.
Im vergangenen Jahr war Florian ebenfalls dort gewesen. Allerdings hatte er den Bus genommen wegen der knappen Zeit bis zu seinem Rückflug. Bettina aber hatte den Weg zum Kap zu Fuß kennengelernt und zuweilen schwärmte sie noch davon.
Dennoch: Man konnte das Erlebte, die einzelnen täglichen Überraschungen, die Fülle und das Glück des Camino nicht festhalten. Wer die Stadt des heiligen Jakobus erreicht hatte und mehrmals die Rúa do Franco, die Rúa do Vilar und die Rúa Nova entlang geschlendert war, erkannte allzu bald, wie das Banale ihn einzuholen drohte. Wohl ließen sich hier noch einige beeindruckende Orte aufsuchen, die Alameda etwa oder der Parque de Belvís, wo das prächtig angelegte Seminario Menor zum Verweilen einlud. Der geheimnisvolle Fluss aber, der einen entlang des Weges mit sich trug und nach jeder Biegung neue, überraschende Einsichten offenbarte, mündete hier und entließ sein Treibgut den unerbittlichen Mächten des Alltags.
Viele der Pilger, besonders diejenigen, die keinem regulären Broterwerb nachgingen, legten den Camino noch ein weiteres Mal oder öfter zurück und hofften wahrscheinlich, seinen Zauber auf diese Weise in ihrem Leben halten zu können. Doch Florian war auch Menschen begegnet, die ehrlich genug waren, um sich einzugestehen, dass man Einmaliges unmöglich wiederholen konnte.
Die Kraft der Erinnerung brachte so manchen hierher zurück, das sah er an sich selbst. Und mancher wusste wohl nicht so recht, was ihm die ganze Wanderung letztlich gebracht hatte und hoffte, er werde es nach mehreren Neuauflagen erkennen. Darüberhinaus gab es noch diejenigen, denen es einfach nur darauf ankam, ihre sportliche Kondition auf den Prüfstand zu stellen.
Ein junger Mann sprach ihn an, in bestem Deutsch.
„Haben wir uns nicht schon mal gesehen? Ich habe ein ziemlich gutes Gedächtnis und…“
„Nicht dass ich wüsste“, versetzte Florian und musterte den Jüngling, an den er sich keineswegs zu erinnern vermochte.
„Doch, wir haben“, behauptete dieser beharrlich. „Du bist doch Deutscher, oder? Aus Sachsen, stimmt’s?“
Zunehmend verblüfft betrachtete Florian den jugendlich und gleichzeitig ein wenig zerknittert aussehenden Menschen, der die Frechheit besaß, ihn zu duzen und so treffsicher einzuordnen.
„Na, so daneben liegst du wirklich nicht“, gestand er. „Sollten wir uns im vorigen Jahr begegnet sein und ich habe das vergessen?“
„Du hast es vergessen, ich nicht“, behauptete der Andere. „Ich bin Hans, hab mal eine Weile hier gelebt.“
„Und da sollen wir uns begegnet sein?“
„Wir haben nicht miteinander gesprochen“, erläuterte Hans geduldig und kramte in seiner Tasche, bis er zwei Büchsen Bier zutage förderte. „Aber ich vergesse ein Gesicht wie deins niemals.“
„Ich fürchte, du musst mir helfen“, erwiderte Florian unbeholfen, dessen Neugier nun wuchs. „Erzähl einfach.“
„Meine Geschichte ist etwas länger“, meinte Hans und öffnete eine der Blechdosen so geschickt, dass nicht der kleinste Spritzer auf Hand oder Hose landete. „Auf das Wiedersehen, Kumpel!“
Er nahm einen tiefen Schluck und bedeutete dem Sachsen, er solle ebenfalls zugreifen. „Die andere ist für dich, ich besitze kein Pferd, das ich tränken müsste.“
Endlich ließ sich Florian auf das Spiel ein, nahm die zweite Büchse, öffnete sie, trank ebenfalls und beäugte seinen neuen Bekannten erwartungsvoll.
Dieser bat mit einem Handzeichen um Geduld, bis das Glockenspiel der Kathedrale, das soeben eingesetzt hatte, wieder verebbte und begann danach mit der Schilderung seiner Erlebnisse.

 

Auf der Straße

Jeder Tag kann der entscheidende sein, kann mein Leben von Grund auf verändern. Wenn ich das nicht geglaubt und gehofft hätte, wäre wahrscheinlich längst der Strick zu meinem Schicksal geworden. Vielleicht aber nicht unbedingt, denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier und davon nehme ich mich keineswegs aus.
Aber ich erzähle meine Geschichte lieber von Anfang an. Für mich ist dieser verhexte Pilgerweg nämlich zum Verhängnis geworden. Jahrelang fristete ich mein Leben als Bettler in den Straßen von Santiago.
Ob das jemals so vorprogrammiert war, vermag ich nicht zu sagen. Zumindest stamme ich aus einer begüterten Familie im Süden Deutschlands und von daher gesehen nimmt sich mein Schicksal beinahe widersinnig aus.
Meine Eltern waren Leute „nach altem Schrot und Korn“, wie man so sagt. Sie wollten oder konnten mich nicht verstehen. Dorf, Bauernhof, strenge Frömmigkeit, was will man da erwarten?
Die Scham befällt einen Mann wie meinen Vater, wenn einer seiner Söhne nichts Vernünftiges zuwege bringt, plötzlich aufmuckt und behauptet, er wolle Maler werden. Nicht unbedingt nach dem Vorbild eines Gauguin oder Velásquez oder Rem­brandt, aber doch wenigstens Zeichner à la Robert Gernhardt vielleicht oder Heinrich Zille. Womit ich sagen will, dass es nicht gerade meine Absicht gewesen war, mich auf Landschaften zu beschränken, sondern ziemlich gerne Menschen auf Papier bannte und zwar möglichst nackt und weiblichen Geschlechts.
Als mein Vater mich fünfzehnjährig dabei erwischte, wie ich mit einem Bleistift versuchte, die Konturen der zwanzigjährigen Nachbarstochter auf einem weißen A3-Blatt zu verewigen, während sie mir in der Scheune völlig unbekleidet Modell saß, setzte es Hiebe und erste Androhungen, mich zu verstoßen. Er, der geachtete Bauer werde sich nicht zum Gespött der Leute machen, nur weil sein Sohn ein Nichtsnutz sei, der überdies Gottes Gebote missachte.
Ich wusste, wie recht er damit hatte, denn ich beherrschte tatsächlich nichts von dem, womit anständige Menschen ihr Geld verdienen. Und nicht einmal mein erstes williges Aktmodell fand den Ansatz der Zeichnung gut, die ich von ihm angefertigt hatte.
Ich schämte mich meiner Neigungen und ging Bleistiften, weißem Papier und Mädchen aus dem Wege. Mühevoll und zähneknirschend erledigte ich alles, was meine Eltern mir auftrugen und träumte davon, auszuwandern und mein Glück irgendwo in der Welt zu suchen.
In der Schule ging es ebenfalls bergab mit mir, so dass ich beschloss, einen unwürdigen Abschluss zu vermeiden. Ich musste mein Heimatdorf verlassen, bevor man mir ein geradezu niederschmetterndes Zeugnis aushändigte.
Nach eingehender Beratung mit einem anderen Tunichtgut, einem Quartalssäufer aus dem Nachbarort, gelang es mir tatsächlich, einen Rucksack mit den notwendigsten Habseligkeiten sowie Proviant für zwei Tage zu packen und eines Nachts klammheimlich dem Haus meiner Eltern den Rücken zu kehren. Heutzutage mag so etwas eher selten vorkommen, aber ich habe es eben nicht länger ausgehalten, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt erst sechzehn war. Sicherheitshalber hatte ich meiner Mutter einen Zettel in die Jackentasche gesteckt, auf dem stand: Versucht nicht, mich zu finden. Mir geht es gut und ich kehre zurück, wenn’s mir noch besser geht. Danke für alles! Hans.
Der Mann, der mir half, hatte mir empfohlen, so schnell wie möglich die Berge anzusteuern und immer nach Süden zu gehen, um alsbald die Grenze zu überschreiten. Wenn ich mich erst einmal in der Schweiz befände, sei es schwieriger, mit Hilfe der Polizei nach mir zu forschen, hatte er behauptet, denn die Eidgenossenschaft gehöre nicht der Europäischen Union an. Ich hingegen hoffte, dass sie überhaupt nicht nach mir suchen würden und froh wären, mich so leichten Kaufs vom Halse zu haben.
Wahrscheinlich verzichteten sie tatsächlich auf eine Großfahndung, denn sonst hätten sie mich bestimmt leicht wieder eingefangen, ahnungslos und naiv wie ich war. Nachdem der besagte Trunkenbold mir eine Wanderkarte gegeben hatte nebst ein paar guten Tipps, trottete ich einsam und unbehelligt kaum benutzte Wege entlang, war froh, dass der beginnende Sommer mir warmes und trockenes Wetter sandte, so dass ich unter Bäumen schlafen konnte und merkte bald, dass ich mich unversehens in Frankreich befand. Das bedeutete zwar, dass ich irgendwo einen Fehler gemacht und die Schweiz verfehlt hatte, wahrscheinlich aber auch, dass sie mich in Frieden ließen und tatsächlich nicht verfolgten.
Nun aber wurde es schwierig. Denn das wenige Geld, über das ich verfügte – in puncto Taschengeld war ich immer kurz gehalten worden und hatte kaum etwas gespart –, ging bereits zur Neige. Nachdem ich sechs Tage unterwegs gewesen war, vermochte ich leicht einzuschätzen, dass ich mir nur noch für etwa drei weitere die notwendigsten Nahrungsmittel und Getränke beschaffen konnte.
So etwas wie ein Konto, wie es heutzutage für die meisten jungen Leute spätestens ab sechzehntem Geburtstag verfügbar ist, besaß ich damals nicht. Vielleicht hatten meine Eltern ein Sparbuch für mich angelegt, doch was sie damit tun würden, war mir gleichgültig. Keine zehn Pferde hätten mich dazu gebracht, umzukehren und sie auch nur um das Geringste zu bitten. Für mich gab es weder etwas zu fürchten noch zu hoffen – zu recht, wie ich heute weiß.
Ich befand mich noch ziemlich weit vor Lyon und hatte kein spezielles Ziel, als ich zu betteln begann. Auch beherrschte ich nur wenige Worte Französisch und musste die Erfahrung machen, dass ich in einem Dorf höchstens ein paar Nahrungsmittel bekam, hin und wieder sogar eine Übernachtungsgelegenheit in Schuppen oder Scheune, jedoch niemals auch nur die kleinste Münze. In einer Stadt indessen gelang es mir manchmal, regelrecht zu zocken. Ich merkte, dass es die Leute beeindruckte, wenn ich auf einer Kirchentreppe saß, eine Büchse aufstellte und ein Pappschild schräg über meinen Kopf hielt, auf dem stand: Aidez-moi, s’il vous plaît! J’ai perdu tout! (Helft mir, bitte! Ich habe alles verloren!)
Diese Worte einigermaßen fehlerfrei aufzuschreiben, hatte mir eine des Deutschen mächtige Frau geholfen, die anscheinend allein lebte und in deren Wohnzimmer ich einmal übernachten durfte. Dafür hatte ich eine Bleistiftzeichnung von ihr angefertigt und zum ersten Mal erlebt, wie jemand meine fast schon unterdrückte Neigung als Talent bezeichnete. Die Frau war überaus begeistert gewesen und hatte mich gebeten, noch eine Nacht bei ihr zu bleiben. Ich hatte mich ausgiebig baden dürfen und als ich endlich weiterwanderte, wusste ich, wie sich das anfühlt, was die Leute und die Zeitschriften mit so banalen Worten wie Sex bezeichnen.
Ich weiß selbst nicht mehr, warum ich nicht versucht hatte zu bleiben, denn ich erinnere mich vage, dass ich nur widerwillig meinen Weg fortsetzte. Vielleicht hatte sie mich auch gemahnt, dass ich mir einen Broterwerb schaffen müsse.
Doch jenes Pappschild, in französischer Sprache abgefasst, tat fortan Wunder. In jedem Ort, der halbwegs die Bezeichnung „Stadt“ verdiente, konnte ich locker eine Geldsumme einnehmen, die mir erheblich mehr als nur Essen und Trinken zu kaufen ermöglichte, so dass ich zuweilen in gut geführten Pensionen oder Herbergen übernachtete. Nebenbei lernte ich auch die Landessprache immer besser. In zahlreichen Gesprächen erfuhr ich von den Pilgerwegen, die Frankreich in verschiedenen Richtungen durchzogen und teils das berühmte Lourdes zum Ziel hatten, teils einen Anschluss an eine vielbegangene, traditionelle Handelsstraße bildeten, deren Namen man nur zu oft spanisch aussprach: Camino de Santiago.
Von diesem Weg machten zahlreiche Legenden und Wundergeschichten die Runde und einige, die behaupteten, auf ihm gewandert zu sein, berichteten allen Ernstes, dass ausnahmslos jeder, der ihn gegangen sei, sein Glück auf ihm gefunden habe. Es spiele nicht einmal eine Rolle, ob er Katholik sei oder nicht.
Bald war ich soweit, dass ich mir einbildete, ich müsse den geheimnisvollen Weg um jeden Preis gehen, wenn ich jemals meinen noch immer geheimen Traum verwirklichen wollte. Die Dinge würden sich dann so richten, dass ich mein täglich Brot mit selbstangefertigten Zeichnungen oder Gemälden verdienen könnte. Danach würde ich heimkehren und meinen Eltern und meiner Verwandtschaft ins Gesicht lachen. Der Mund würde ihnen offen stehen bleiben vor Staunen und sie müssten sich in Grund und Boden schämen für all die Schmähungen, mit denen sie mir das Leben zur Hölle gemacht hatten.
Ich sparte einiges von dem erbettelten Geld und kaufte mir einen nagelneuen Rucksack samt guten, haltbaren Trekkingschuhen. Auf diese Weise war ich nicht mehr länger ein Landstreicher, sondern hatte mich in einen Pilger verwandelt. Als solcher durfte ich nun oft erleben, wie meine Wandergefährten mir halfen, wenn ich in Schwierigkeiten geriet. Für den Fall, dass mir dennoch wieder alle Mittel ausgingen, konnte ich jederzeit in in das Gewand eines Kirchenstufen-Bettlers zurückkehren. So gelangte ich bequem und in verhältnismäßig kurzer Zeit nach Saint-Jean-Pied-de-Port, dem Städtchen, das gewissermaßen die Startmarkierung für den legendären Camino bildet.
Es dauerte nicht lange, bis ich herausgefunden hatte, worin die Insignien eines Jakobuspilgers bestanden, und bald baumelte eine leuchtende Muschel an der Rückseite meines Rucksacks. Einen Wanderstab besaß ich bereits und einen entsprechenden Pass, den sogenannten Credencial, stellte man mir ohne weitere Umstände aus. Obwohl ich noch nicht einmal achtzehn Jahre alt war, wurde ich spätestens jetzt von jedem, der mir begegnete, als vollwertiger Peregrino anerkannt, wie man diese Leute jenseits der spanischen Grenze nannte. Leichten Herzens und keineswegs auf Alleinsein bedacht überquerte ich die Pyrenäen. Ich versuchte herauszufinden, was alle die auf diesen Weg trieb, die ihn gewissermaßen in meiner Gesellschaft entlangwanderten und erwartete das Wunder, das mein Leben umkrempeln würde und bereits hinter jeder Biegung oder Kurve lauern konnte.
Wenn jemand es darauf anlegte, mich auszufragen, tischte ich ihm eine erfundene Geschichte auf und behauptete, eine Waise zu sein, die aus Frust, die Prüfung zu einer Gärtnerausbildung nicht geschafft zu haben, einfach getürmt sei und hoffe, irgendwo in der Welt eine neue Chance zu finden. Es gab kaum jemanden, der mir nicht glaubte, und viele waren allein schon auf Grund dieser Darstellung bereit, mir zumindest eine Abendmahlzeit zu spendieren, wenn nicht sogar Geld zu geben. Hin und wieder fertigte ich Zeichnungen von Weggefährten an und erzeugte damit höchstes Entzücken bei den bestimmt nicht ungeschickt Porträtierten.
Das Pilgern machte schlichtweg Spaß. Allerdings waren die meisten, denen ich begegnete, mindestens vierzig Jahre alt, oft sogar erheblich älter, und nur zwei- oder dreimal sprach ich mit jungen Männern, die erst knapp über zwanzig Lenze zählten. Ein Mädchen, das zu mir gepasst hätte, war überhaupt nicht dabei, was ich jammerschade fand, zumal ich gern das Erlebnis wiederholen wollte, das mir jene Frau im Elsass Wochen zuvor geschenkt hatte. Möglicherweise aber begann mein Leben tatsächlich erst nach der Ankunft in Santiago.
Nun bin ich wahrlich nicht dumm oder schwer von Begriff und so beherrschte ich die spanische Sprache bereits ziemlich gut, als ich nach Logroño kam und den weithin berühmten Ebrofluss überquerte. Auch mit Englisch und Französisch hatte ich Fortschritte gemacht und was das Italienische betraf, so verstand ich den Inhalt kurzer alltäglicher Dialoge, ohne allerdings sehr viel davon selbst sprechen zu können. Bis ich León erreichte, hatte sich auch dieser Zustand erheblich verbessert und ich fühlte mich allmählich als „Mann von Welt“, obwohl ich mich genaugenommen noch nicht einmal als „volljährig“ bezeichnen durfte.
Ein eigentümliches Gefühl breitete sich in mir aus, je näher ich Santiago kam. So schien es mir, als sei ich unter Menschen, die nicht gerade meiner Nation angehörten oder meine Muttersprache verstanden, wohler gelitten. Deshalb begann ich, mich darin zu üben, das Deutsche völlig zu verleugnen und so zu tun als sei ich beispielsweise ein Ungar, der nur einige europäische Idiome sehr gut beherrschte. Natürlich kannten mich inzwischen viele der Pilger und ihnen gegenüber eine Maske aufzusetzen, wäre sinn- und aussichtslos gewesen. Doch einigen Herbergsleitern gegenüber testete ich diese Masche und hatte damit ausnahmslos Erfolg.
In der Stadt des heiligen Jakobus angekommen, beschloss ich nun, mit Hilfe dieses Tricks mein Glück zu machen. Nachdem ich eine Unterkunft gefunden hatte, in der ich einige Tage bleiben konnte, ließ ich mich in einem kleinen Arkadengang an der Praza de Cervantes nieder und zeichnete Porträts. Ich nannte mich János Német und behauptete wiederum, Ungar zu sein. Da ich auf dem Weg nur zwei- oder dreimal einem Magyaren begegnet war, hoffte ich, dass nur selten jemand auf die Idee kommen würde, mich in dieser Sprache zu begrüßen, in der ich nur sehr wenige Worte zu artikulieren vermochte. Den Namen hatte ich irgendwo gelesen, aber keine Ahnung von seiner Bedeutung. Zwar ahnte ich, dass János Johannes oder Hans hieß und meinem tatsächlichen Vornamen entsprach, aber ich wusste keinesfalls, dass das Wort német nicht mehr und nicht weniger als einen Deutschen bezeichnete.
Während jener Tage begegnete mir auch nicht ein einziger Ungar und ich wurde weder unliebsam behelligt noch entlarvt. Nur musste ich feststellen, dass der Verkaufserlös der wenigen Porträts, die ich auf Wunsch zeichnen durfte, längst nicht der Summe an Geld entsprach, die ich mit simpler Bettelei hatte einnehmen können und bald wurde es schwierig, mein kleines Pensionszimmer weiterhin zu bezahlen.
Glücklicherweise lagen noch eine ganze Menge Sommerwochen vor mir, so dass ich mich kurzerhand entschloss, auszuziehen und so lange auf der Straße zu leben, bis ich mein Einnahmenniveau wieder kräftig erhöht hätte. Selbstverständlich verlegte ich mich wiederum auf’s Betteln.
Obwohl dadurch meine Einkünfte schlagartig in die Höhe schnellten oder gerade deswegen, bekam ich bald Ärger. In dieser Stadt gab es in dieser Hinsicht mehr Konkurrenz als mir lieb war. Wenn es nämlich regnete und ich meinen Schlafsack unter einem der kurzen Arkadengänge ausbreitete, die sich in Kathedralennähe befanden, wurde ich zwar nicht von der Polizei behelligt, aber mehrmals von dunkelhäutigen Leuten überfallen und ausgeraubt. Ich musste also bedachtsamer zu Werke gehen.
Ich bettelte von nun an nicht mehr wahllos umher, sondern beobachtete diejenigen, die diese Tätigkeit wahrscheinlich schon weitaus länger und vermutlich regelrecht traditionsmäßig ausführten. Manchmal gelang es mir, eine Frau oder einen Mann zur Rede zu stellen, die ähnlich wie ich vor Kircheneingängen saßen oder sich mit eingelernten Jammersprüchen unmittelbar an Pilger oder Touristen wandten. Und ich erhielt durchaus brauchbare Tipps, des öfteren aber nur den Hinweis, ich solle eben die „alten Hasen“ studieren und es ihnen nachtun.
Am frechsten trat eine Roma-Bande auf, die vor wenigen Jahren aus Rumänien hierher gekommen war. An ihrer Hautfarbe waren ihre Mitglieder am leichtesten zu erkennen und vor allem die Frauen unter ihnen hatten sich auf den „Frontal-Bettel“ spezialisiert. So machte die Älteste beispielsweise jeden Morgen um dieselbe Zeit ihre „Runde“ erst auf der Praza do Obradoiro vor der Kathedrale und danach auf der Praza da Quintana auf der gegen­überliegenden Seite des heiligen Gebäudes. Sie war ziemlich dick und beherrschte das Spanische recht gut, jedoch kaum ein Wort des in dieser Gegend üblichen Galizischen. Da aber die Amtssprache überall gut verstanden wurde, hatte sie ein Erlernen des Regions­idioms wahrscheinlich nicht nötig.
„Tengo hambre“, jammerte sie immer im gleichen Tonfall, wenn sie einem Pilger ihre Blechdose unter die Nase hielt, in der meist drei oder vier Kleinmünzen klapperten. „Mis niños tienen hambre. Por favor, señor, un poco de dinero, por el amor de Cristo! (Ich habe Hunger. Meine Kinder haben Hunger. Bitte, Herr, ein wenig Geld, um der Liebe Christi willen!)“
Es war immer der gleiche Text. Sie veränderte ihn nie, er war zur reinsten Routine verkommen. Aber ihre Methode funktionierte! Obwohl ihr höchstens jeder achte oder zehnte eine Münze gab, gelang es ihr, bis zum späten Vormittag Summen einzunehmen, die zwischen vierzig und hundert Euro lagen. Und da sie weder sonntags noch an einem sonstigen Feiertag ihre Tätigkeit unterbrach, kann man sich leicht vorstellen, wieviel sie im Laufe eines gesamten Monats gewissermaßen „verdiente“, ohne sich um etwaige Steuern Gedanken machen zu müssen.
Zuweilen fragte ich mich, warum alle die, die ihr etwas gaben, niemals über ihren Körperumfang nachdachten. Zumal sie ständig über Hunger klagte und dennoch fast so dick daherkam wie ein fast-food-verwöhnter Amerikaner. Natürlich waren die Nichtgeber in der Mehrheit, doch die schüttelten vor allem deshalb den Kopf, weil ihnen der Bettel an sich auf die Nerven ging und nicht, weil sie gut beobachteten; da bin ich mir sehr sicher. In Santiago gibt es tausend Ablenkungen für Menschen, die die Stadt kennenlernen wollen, und deshalb haben weder Pilger noch Touristen genügend Zeit, tatsächlich hinzusehen. Und das ist die große Chance für unsereinen.
Die dicke Roma-Frau muss natürlich einen Großteil ihrer Einkünfte abliefern, so dass ihr wahrscheinlich nur etwa dreißig bis vierzig Prozent für sich selbst bleiben. Es ist schließlich ein Clan, eine Bande, mit einer ausgeklügelten Hierarchie, die ein Außenstehender nicht übermäßig schnell durchschaut. Und ich brauchte mich nicht darüber zu wundern, dass diese Leute ihr vor langer Zeit erobertes Revier auch mit allen Mitteln verteidigten. Dieses „Revier“ aber, das war zum Wenigsten das Gelände, sondern vor allem die Strategie.
Sie wollten eben nicht, dass ich bettele wie sie und dabei ihre Masche verwende. Glücklicherweise habe ich nicht allzu lange gebraucht, bis ich das herausfand.
Zidi, ein Schwarzer, der seiner eigenen Behauptung nach aus Mali stammte, lief ständig mit einem Rucksack umher und schwatzte mit den Leuten. Erst nach einigen Tagen merkte ich, dass auch er bettelte, aber mit einer völlig anderen Methode. Er gab sich als Pilger.
Und von ihm bekam ich bald die brauchbarsten Ratschläge, so dass wir vereinbaren mussten, uns nicht gegenseitig „ins Gehege“ zu geraten.
Die Sache lief wunderbar. Noch besaß ich meinen Rucksack. Schließlich diente er mir als Kleider- und Küchenschrank gleichzeitig. Ein mildtätiger Wirt hatte mir erlaubt, das Utensil tagsüber hinter seiner Theke stehen zu lassen, wobei ich es des Nachts jedoch an mich nehmen musste. Von nun an aber trug ich meine Habseligkeiten ständig auf dem Rücken.
Diese erwiesen sich zwar als neue Last, doch hin und wieder konnte ich den Rucksack absetzen und mich ausruhen. Auf alle Fälle hatte ich mich somit in einen Schein- oder Pseudopilger verwandelt.
Ich trat auf einen der neu in der Jakobusstadt Angekommenen zu und fragte, ob er Englisch, Französisch, Spanisch oder Italienisch spräche. Notfalls gelang mir die Sache auch auf Niederländisch, während ich Deutsch vollständig vermied, um nicht zuviel von mir zu verraten. Meistens hatte ich Erfolg und die Passanten glaubten mir die Geschichte, die ich ihnen vorlog. Dass ich, da ich zuletzt völlig pleite gewesen sei, keine Herberge mehr bekommen hätte. In eine private jedoch auch billiger hereinkäme, nur eben nicht ganz zum Nulltarif.
Wenn der Kumpel also fünf Euro für mich hätte…?
Die hatte er fast immer.
Nachdem ich trotzdem mehrere Abfuhren von Männern erhalten hatte, die mir nicht glaubten, verlegte ich mich vorrangig auf Frauen. Sie waren sanftere, mitleidigere Wesen, die sich so gut wie immer zu helfen bereit zeigten, ungeachtet dessen, ob ihnen meine Geschichte koscher vorkam oder nicht.
Und so schlug ich mich mehrere Jahre lang und beträchtlich erfolgreich durch. In der schönen Jahreszeit verdiente ich bereits Geld für die Wintermonate, denn wenn es allzu kalt und nass wurde, mietete ich mir eine Pension. Ohne Rückzugsmöglichkeit auf der Straße zu leben ist einfach zu hart, obwohl Santiago einigermaßen gnädig ist mit seinen Pennern.
Am Anfang musste ich noch lernen. Es war nicht sonderlich schwer, Toiletten zu finden, die ich tagsüber benutzten konnte, ohne dass sie mich etwas kosteten. Schließlich kann man die meisten Kneipen locker betreten und in einem dieser Miniräume, die man dort Servicios oder Aseos nennt, pissen gehen oder auch größere Geschäfte verrichten, aber halbwegs sauber sind die wenigsten von ihnen. Die vor allem wegen der Touristen gut ausgestatteten Toiletten hinter der Praza do Obradoiro neben der Polizeiwache sind allemal die besten, die man weiterempfehlen kann, aber dann hört es auch bald auf. Und nachts muss man sich wahrlich eine finstere Ecke, eine Wand oder – sollte man sich in Parknähe befinden – einen Busch suchen.
Ein schwierigeres Unterfangen war es jedoch, einen Ort aufzutreiben, an dem ich mich hin und wieder duschen konnte. Denn wenn ich auf Abstand zu stinken begann, würden sie mir den Pilger nicht mehr abkaufen, der nur mal ein wenig Pech gehabt hatte. Zu meinem großen Glück fand ich jedoch schnell heraus, dass ich den Camino de Santiago nur ein Stück weiter verfolgen musste, die Rúa das Hortas entlang in Richtung Kap Finisterre sozusagen, und dann in einem grünen Gebiet landete, wo es ein Flüsschen mit klarem Wasser gab. Dorthin begab ich mich nun mindestens zweimal in der Woche, um mich gründlich zu waschen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich dabei jemals einem meiner Konkurrenten begegnet wäre. Sogar meine Kleidungsstücke vermochte ich auf diese Weise einigermaßen sauber zu halten.
Es dürfte etwa das vierte Jahr meines Straßenlebens gewesen sein, in dem ich merkte, dass ich zunehmend abbaute. Womit ich überhaupt nicht meine, dass ich hin und wieder kiffte, denn das war unter meinesgleichen völlig normal. Sondern mir wurde bewusst, dass ich schon eine Ewigkeit lang keine Zeichnung mehr angefertigt hatte, dass ich vollkommen ziellos dahinvegetierte, mir die gelegentlichen zärtlichen Zuwendungen mildtätiger Prostituierten nichts mehr gaben und mein durchschnittlicher Alkoholkonsum unmerklich zunahm. Wenn jemand in meiner Nähe deutsch sprach, begann ich sehnsüchtig zu lauschen und hätte nur zu gern ein Gespräch mit dieser Person begonnen, doch ich war an mein incognito gewöhnt und das durchaus einträgliche Leben, das ich mitnichten bereit war aufzugeben.
Indessen stellte ich etwa zeitgleich fest, dass auch Santiago selbst sich veränderte und damit auch die Leute, die den Pilgerweg bevölkerten und hier ankamen. Zunehmend waren es Menschen aus meinem eigenen Herkunftsland, die durch die Rúa do Franco zogen oder in den Souvenirläden herumstanden. Ungefähr im gleichen Maße ließ die Freigiebigkeit der Touristen und Erfahrungswanderer nach. Immer häufiger geschah es, dass man mir auswich oder mit mir zu diskutieren versuchte, woran ich merkte, dass meine Geschichte an Glaubwürdigkeit verlor.
Des öfteren stieß ich auf Ungarn, die ich für Italiener gehalten hatte, was mir bislang nur selten passiert war. Solche Leute ließ ich dann lieber in Frieden. Auch Polen oder Tschechen wurden zahlreicher, mit denen ich ebenfalls nichts anzufangen vermochte.
Eines schönen Tages wurde mir bewusst, dass ich meine Hosen schon längere Zeit nicht mehr gewaschen hatte. Ich fürchtete, zu viel und zu häufig Wein getrunken zu haben, der mich bestimmte Sachen, die mir früher selbstverständlich gewesen waren, einfach vergessen ließ. Ich verwickelte Zidi, den Mann aus Mali, in ein Gespräch und erfuhr, dass auch er beobachtete, wie unsere fetten Tage zunehmend dürrer wurden und sich deswegen sorgte. Und was die Romafrauen betraf, so waren sie neuerdings bis zum späten Abend unterwegs, bis sie eine halbwegs passable Summe zusammen bringen konnten.
Ich begann, darüber nachzudenken und verfiel nahezu in Panik. Angenommen, das Bettelgeschäft ging tatsächlich den Bach hinunter, wovon sollte ich dann in Zukunft leben? Möglicherweise konnte ich noch immer Porträts zeichnen, obwohl ich einigermaßen aus der Übung war. Doch das brachte eben nichts ein oder zumindest weit weniger als meine trickreichen Rundgänge.
Vielleicht war alles eine Täuschung, bildeten sich nur einige von uns ein, dass es bergab ging. Öfter als gewöhnlich schlenderte ich durch die Straßen der Altstadt, in der Hoffnung, deutlichere Zeichen zu sehen, die mir sagten, ob ich hier eine Zukunft hatte oder eben nicht. Regelmäßig begegnete ich all denen, die gleich mir ihr Leben von der mildtätigen Gedankenlosigkeit der Pilger und Touristen bestritten. Eine Konkurrenz für uns wuchs mächtig, das ließ sich nicht leugnen, und sie hatte während der letzten Jahre rasant zugenommen: die Musikanten.
Zusätzlich zu den traditionellen Klängen galizischer Folklore konnte man inzwischen auf die seltsam erdige Musik stoßen, die nur ein Didgeridoo hervorzurufen vermochte. Auch Harfenspieler traten auf oder simple Gitarrenvirtuosen. Einmal stieß ich erstaunt auf ein Trio aus dem russischen St.Petersburg, zwei Männer und eine Frau, die mit ihrem wehmütigen, von Bandoneon und Balalaika untermalten Gesang eine beträchtliche Menschenmenge anlockten.
Mir schien, die Leute gaben leichter und freudiger Geld, wenn ihnen etwas dafür geboten wurde, beispielsweise eben Musik. Vielleicht aber war das ein Augenblickseindruck und niemand vermochte vorherzusagen, wie die Sache morgen oder übermorgen aussah. Vorsichtig wie ich inzwischen geworden war, beschloss ich, die Dinge weiterhin gut zu beobachten und beim Betteln zu bleiben, denn trotz aller Umsatzrückgänge sah ich darin unstreitig den verlässlichsten Broterwerb, der mir unter all den genannten Umständen möglich erschien.
Das Dumme war natürlich, dass ich es nicht verstand, eingenommene Summen für größere Ziele aufzubewahren, zu sparen sozusagen. Zu oft und leicht erlag ich der Versuchung, abends in den Kneipen herumzusitzen oder hin und wieder ein williges Mädchen für vorgetäuschte Liebe zu bezahlen. Und manchmal konnte ich mir die Winterwohnung nur für wenige Wochen leisten.
Nichtsdestoweniger schätzte ich mich glücklich, niemals von all dem belästigt zu werden, was der Durchschnittsbürger gewöhnlich über sich ergehen lassen muss: Steuern und Finanzamtsvorgaben, das Ausfüllen von Formularen für die verschiedensten Ämter, Wohn- und Familienstandsmeldungen und was des Terrors sonst noch ist. Ich hatte keine Adresse und bekam niemals Post. In den Augen der spanischen Polizei war ich ein unbekanntes Individuum von der Straße, dass höchstens dann kontrolliert wurde, wenn es an einer Schlägerei oder anderen Schandtat beteiligt war. Und da ich vorsichtshalber meinen deutschen Ausweis aufbewahrt hatte, waren die Uniformierten erleichtert zu wissen, dass ich nicht in ihren Zuständigkeitsbereich gehörte. Meistens lachten sie und winkten ab, bis sie mich gehen ließen und nie mehr nach mir fragten. Hin und wieder überfiel mich die Angst, ich könne von Deutschland aus gesucht werden, doch da nie etwas geschah, beruhigte ich mich schnell wieder.
Trotzdem war ich unsicher geworden. Mich quälte der Gedanke, ob ich bis an mein Lebensende hier bleiben und betteln müsste, ohne dass ich je andere Erlebnisse hätte oder weitere Teile der Welt sehen könnte. Um gründlich nachdenken zu können, legte ich gelegentlich Pausen ein, setzte mich mit einer Tüte Croissants auf eine der steinernen Bänke am Rand der Praza da Quintana und beobachtete Pilger, Touristen, Einheimische und die Angehörigen meiner Zunft.
Eines Tages sprach mich ein hochgewachsener, blondschopfiger Mann an, dessen Augen mich darauf aufmerksam machten, dass er ein Deutscher sein musste.
„Du bist kein wirklicher Pilger“, behauptete er, meine Muttersprache benutzend. „Du musst ein Landsmann von mir sein.“
„I don’t understand you (Ich verstehe dich nicht)“, hielt ich dagegen und hoffte, dass er meinen Schrecken nicht bemerkt hatte.
„What’s your name? (Wie heißt du?)“, fragte er hartnäckig.
„János Német“, log ich, meine Masche verfolgend. „I am from Hungary. (Ich bin aus Ungarn.)“
„Figyelem, figyelem (Achtung, Achtung), du Witzbold!“ versetzte er frech, wieder ins Deutsche zurückfallend. „Hans Deutscher also! Lächerlich! Mir machst du nichts vor, Junge, mir nicht! Wenn du wirklich Ungar wärst, hättest du dich anders herum vorgestellt, mit ,Német János‘! Ich bin doch nicht blöd!“
Ich zuckte mit den Schultern, so als ob ich ihn wiederum nicht verstünde und er ließ mich in Ruhe. Aber mir klebte der kalte Schweiß auf der Stirn.
Am Folgetag aber geschah etwas, wodurch nicht nur meine bisherige Lebensgrundlage vernichtet wurde, sondern auch alles, was ich bislang je darüber gedacht hatte.
Ich saß auf meinem Platz auf der Steinbank und sah mit beinahe boshafter Genugtuung Elena zu, der dicken Zigeunerin aus Rumänien, die sich am Vortag neue Sandalen und eine prächtige Handtasche gekauft hatte und in altgewohnter Frechheit beides trug, während sie den Leuten ihre Hungerklage vorsang.
Tengo hambre! Mis niños tienen hambre. Por favor, señor, un poco de dinero, por el amor de Cristo!
Ich kannte ihr Geleier auswendig, hatte es unzählige Male schon gehört. Wer mochte wissen, ob die Dicke ihre Worte selbst noch verstand?
Manche von denen, die sie ansprach, schüttelten den Kopf, doch sie war zäh und wiederholte ihren Text mehrere Male, bis sich die Widerspenstigen bequemten und ihr zumindest eine kleine Münze in ihr Plastikschüsselchen warfen. Andere machten ohne ein einziges Wort kehrt und gingen davon. Wenige nur deuteten ihr klar und unmissverständlich an, dass sie keinesfalls etwas geben würden.
Einer der Pilger nahm seinen Rucksack von der Schulter.
„You’re hungry, you say? (Du bist hungrig, sagst du?)“ hörte ich ihn sagen und dem Akzent nach tippte ich auf Amerikaner. „I’ll give you something to eat. (Ich werde dir etwas zu essen geben.)“
Damit begann er, in seinem Rucksack zu wühlen und förderte Sekunden später eine dickes, zusammengeklapptes Stück Brot zutage, das, wie meine Nase trotz gut fünf Metern Entfernung meldete, mit Leberwurst bestrichen war. Bevor er es Elena aushändigen konnte, zog sie ein angewidertes Gesicht und wandte sich von ihm ab.
Grinsend biss der Mann selbst in das Brot.
„Damned liar! (Verdammte Lügnerin!)“, hörte ich ihn murmeln. „If someone might give you a dime you may smother by that! (Wenn jemand dir auch nur ein Zehncentstück gibt, mögest du daran ersticken!)“
Es war nicht leicht zu erkennen, ob ihn Wut dazu trieb, so etwas zu sagen oder ob diese Worte einer ähnlichen Gewohnheit entsprangen wie Elenas Jammersingsang.
Die Dicke hatte jedoch längst ihr nächstes Opfer anvisiert, den hochgewachsenen, blondhaarigen Mann, der mich vor kurzem angesprochen hatte. Ich wusste nicht, wo er so plötzlich hergekommen war und wäre am liebsten im Erdboden versunken, doch ich vermochte mich nicht vom Fleck zu rühren und starrte wie hypnotisiert auf das, was sich nun abspielen sollte.
Während die Bettlerin ihren Text zum zweiten Mal wiederholte, musterte er sie von oben bis unten, runzelte die Stirn, wurde rot im Gesicht und brüllte sie an:
„Was bildest du dir ein, du hinterhältige Schnepfe du? Läufst in neuen Sandalen rum und mit superteurer Handtasche und greinst, dass du Hunger hast! Bist fett und satt wie eine trächtige Katze! Wieviel Autos hast du denn schon für deinen Macker zusammengezockt, hää? Sieh dich mal an, wie du dastehst! Da läuft die hier rum und verarscht die Leute! Was du machst, ist schlimmer als Klauen, weißt du das? Beim Klauen brauchst du nämlich schon mal Geschick, aber betteln kann jeder Dumme! – Wie ich mein Geld verdiene, interessiert dich nicht, hää?! Ob’s mir gut geht oder schlecht, danach fragst du nicht, Hauptsache, du kannst deine Show abziehen: ,Ach, ich Arme, ich hab ja so einen Hunger!‘ Oh ja, das sehe ich dir an, du kannst jeden Moment platzen vor Verfettung! Guck dir meine Sandalen an, die fallen fast ab, und ich konnte mir noch keine neuen leisten wie du! Mir ging’s schon saudreckig, aber gebettelt habe ich noch nie und ich werd’s auch nie, das verspreche ich dir! – Und deinem Macker kannst du bestellen, dass er gerne kommen kann und mich abstechen, weil ich dir nichts gegeben habe! Ich hab keine Angst vor dem Gesocks, für das du arbeitest, verstanden?!“
Diese zornerfüllte Rede, die während ihres Verlaufs lauter und lauter geworden war und zuletzt beinahe von den Mauern zurückgeworfen wurde, die die Praza da Quintana umschlossen, hielt er in reinem Deutsch, mit einem kaum merklichen sächsischen Akzent vielleicht. Mir stockte der Atem und es sah aus, als ob Elena schwankte.
In diesem Augenblick ging eine Frau an der Dicken vorüber und legte ihr eine kleine Münze in die Plastikschüssel, ein Zehncent-Stück höchstens, wie mir schien. Die Zigeunerin nickte dankend, ließ kraftlos das kleine Gefäß aus der Hand gleiten und sank um.
Ich sah, wie ein Polizist, der die Szene ebenfalls beobachtet hatte, sein Funkgerät zückte, ein paar Worte hineinsprach und sich auf die am Boden Liegende zu bewegte. Der Mann, der sie beschimpft hatte, war stehen geblieben, bis der Uniformierte den Ort des Geschehens erreichte. Dann redete er gestikulierend auf den Ordnungshüter ein, wobei er seine Stimme jedoch so stark dämpfte, dass ich kein Wort mehr verstehen konnte.
Schließlich ertönte die Sirene eines Rettungswagen, Sanitäter stürmten quer über den Platz, luden die immer noch reglose Elena auf eine Trage und transportieren sie ab. Der Polizist entfernte sich in Gesellschaft des Deutschen.
Von Stunde an verlor ich meine Fähigkeit, glaubwürdig zu zocken. Niemandem mehr erzählte ich meine idiotische Geschichte des abgewiesenen Pilgers. Niemals mehr behauptete ich, János Német zu heißen. Und schlagartig hörte ich auf zu trinken.
Stattdessen zählte ich alles Geld durch, was mir noch zur Verfügung stand und stellte fest, dass es für eine Busreise bis nach Deutschland genügte. Proviant eingerechnet.
„Ich habe erst vor einigen Wochen eine Suchanzeige aufgegeben“, gestand mir meine Mutter unter Tränen, nachdem sie mich in die Arme geschlossen hatte. „Früher hatten wir gehofft, dass du von allein zurückkehrst. Dann aber gerieten wir darüber in Streit und nun habe ich mich von deinem Vater getrennt.“
Alles hatte sich verändert. Zu meinem größten Erstaunen stieß ich überall, wohin ich kam, auf Hilfe und Unterstützung. Es gelang mir, den Schulabschluss nachzuholen, so dass ich die Chance auf eine Ausbildung zum Werbedesigner habe. Nebenbei zeichne ich wieder Porträts und Akte.
Der verrückte Jakobusweg war mir also doch noch zum Segen geworden. Und deshalb wurde ich mit der Zeit so neugierig, dass ich die Stadt meiner Bettelkarriere unbedingt noch einmal sehen wollte.
Deshalb bin ich hier. Ich habe Zidi wiedergetroffen, den Mann aus Mali. Von ihm erfuhr ich, dass Elena gestorben ist, noch am selben Tage, an dem sie sie von der Praza da Quintana getragen hatten. Vielleicht war sie von der Schimpftirade des geheimnisvollen Deutschen umgehauen worden. Auf jeden Fall aber hatte sie nicht einen Atemzug mehr tun können, war buchstäblich erstickt.

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