Die im Folgenden vorgestellten Stilproben des Autors Andreas H. Buchwald stammen aus unterschiedlichen, thematisch sehr voneinander abweichenden Werken bzw. Texten. Sie sollen zusätzlich zu den Leseproben, die sich auf jeweils aktuell herausgegebene Bücher beziehen, einen Eindruck des sich teilweise wandelnden und vielseitigen Schreibstils geben, mit dem Buchwald selbst vorsichtige Leser gnadenlos in seinen Bann zieht. Um seinen Duktus für sich selbst sprechen zu lassen, verzichten wir auf jeglichen Hinweis auf die Werke, aus denen die betreffenden Textausschnitte entnommen wurden.
Tatsächlich fielen große Teile des Landes Sachsen in diesen Stunden und den darauffolgenden Tagen einem Naturereignis zum Opfer, dessen zerstörerische Auswirkungen kaum einem Vergleich mehr standhielten. Ganze Innenstädte wurden verwüstet, Dörfer davongespült, feste Häuser und Brücken zerstört sowie ertragreiche Felder mit zähem, undurchdringlichem Schlamm bedeckt. Menschen, die in Panik zu flüchten versuchten, fanden den Tod, während andere außer ihrer Haut und dem, was sie darauf trugen, nichts zu retten vermochten.
Ungläubig und fassungslos erlebten Restaurant- und Hotelbesitzer, wie ihre gesamte Existenz buchstäblich den Fluss hinunter ging, ihnen zuweilen nichts übrig blieb außer feuchtigkeitsgesättigten Mauern mit leeren Fensterhöhlen, entsetzt mussten Bauern hilflos zusehen, wie Schweine und Kühe jämmerlich ertranken und ohnmächtig verzweifelten Eigenheimbesitzer angesichts der katastrophalen Zerstörung all dessen, worauf sie ihre Zukunft hatten errichten wollen. Die Flüsse, deren überströmender Inhalt sich Raum zu schaffen suchte, drangen nächtens in Lagerräume, Schlaf- und Wohnzimmer ein, nahmen gnadenlos mit sich, was ihrer Gewalt nicht standhielt und lagerten es an ihren neuerschaffenen Rändern ab, wo sich stinkende, giftige Tümpel bildeten.
Aus grünen Tälern waren tiefe, kaum überschaubare Seen geworden, die vorübergehende Sammelbecken für zusammentreffende Flüsse bildeten. Wer Jahre zuvor, von der Landschaft begeistert etwa, in einem solchen Gebiet sein Heim errichtet hatte, musste es verloren geben. Nicht einmal die Zufahrtsstraßen blieben erhalten.
Tausend und abertausend Einrichtungsgegenstände trieben in dem entfesselten Element, Öltanks und elektrische Anlagen, Möbelteile und kostbare Elektronik, Rohre, Holzbohlen und Kleidungsstücke, hier und da die Leiche eines Menschen, häufiger die Kadaver von Tieren.
Der Regen legte nur kurze Pausen ein. Immer neue Wolken sandten unerschöpfliche Mengen an Wasser zur Erde, so dass die reißenden Flutströme tagelang nicht zur Ruhe kamen. Wer Werkzeuge und Tatkraft besaß, kämpfte mit Tausenden anderer Freiwilliger darum, dem bedrohlichen Element neue Grenzen zu setzen und dessen Zerstörungswut einzudämmen. Von überallher schaffte man Sandsäcke herbei, kamen Helfer, die bereit waren, Tage und Nächte zu opfern, um die Natur in ihre Schranken zu weisen. Sie verstanden wohl kaum, was in Wahrheit geschah, aber sie taten, was ihre innere Stimme ihnen befahl und sie fühlten sich leben wie selten zuvor. Die vielbeklagte und dennoch Sicherheit spendende Alltagsroutine war aufgehoben. Und als nach einer Woche die Sonne die Regenwolken vertrieb und und die gewaltige Flut verebbte, waren viele über sich selbst hinausgewachsen und hatten für Augenblicke in einem Licht gestanden, dessen Quelle sie nicht kannten, obwohl sie ihrer eigenen Seele entsprang.
Nach zwölf Jahren wenig aussichtsreichem Kampf um ihr kleines, individuelles Glück hatten die Menschen eine Kraft wiederentdeckt, die in Vergessenheit zu geraten drohte: ihre Gemeinschaft. Obwohl sie einander kaum Rechenschaft darüber ablegten, hatten sie einen Blick hinter die Kulissen des Schicksals geworfen und die Fäden erkannt, die sie alle miteinander verbanden. Selbst das ganze Land war erfüllt davon, so dass eine kaum je vorher dagewesene Spendenfreude die Menschen erfasste, um diejenigen zu unterstützen, denen die Flut alles entrissen hatte, was sie besaßen.
Zwar waren gleichzeitig die Schmeißfliegen zur Stelle, die Aasgeier und Leichenfledderer, all die, die eine günstige Gelegenheit beim Schopfe zu packen wussten, um die neu erschlossenen Geldflüsse in ihre eigenen Sammelbecken umzuleiten; zwar nutzten traurige Voyeure heimliche Wege und von der Flut verschonte Hügel, um das Geschehen von sicheren Standorten aus in das Visier ihrer Feldstecher und Kameras zu nehmen und auf diese Weise dem Hamsterrad ihres Lebens zu entfliehen; doch konnte all das die Veränderung nicht mehr aufhalten, die das Land samt seinen Bewohnern erfasst hatte.
Die Erde, die lange Zeit blockiert gewesen war und sich klaglos hatte tausend Wunden zufügen lassen, vermochte nicht länger still zu leiden. Tief und wild hatte sie aufgeschluchzt und Ströme von Tränen vergossen. Wohl wissend, dass sie auf wenig Mitgefühl hoffen konnte, hatte sie dennoch den Schmerz nicht länger zurückgehalten, der in ihr bohrte. Gern hätte sie sich ihren Bewohnern auf andere Weise mitgeteilt, doch dazu war sie nicht mehr fähig gewesen, zumal nur einzelne ihre Sprache verstanden. Sie musste weinen, so oder so, sie konnte weder auf Trostspender noch Einsichtige warten. Eines Tages würden sie erkennen, was sie ihr antaten mit ihren neidischen und angsterfüllten Spielen, ihrem hässlichen Krampf um Besitz und Ansehen und dem unvorstellbaren Müll, den sie um sich verbreiteten, weil sie sich einbildeten, ein Leben ohne wertlosen Klimbim sei arm und sinnlos. Die Erde liebte und achtete sie alle, auch die Blinden und Unverständigen, doch sie liebte vor allem auch sich selbst und durfte sich nicht auf Dauer und in falscher Rücksicht einen minderen Platz zuweisen. Ganz besonders nicht, wenn sie den meisten dieser Verrückten, die auf ihrer Oberfläche umhertanzten, weiterhin Heimstatt und Schutz gewähren wollte.
Prinz Trollsten sprang auf.
„Endlich kapiert es mal einer von euch Hohlköpfen!“ schrie er wild. „Von Anfang an hab ich gesagt, dass wir viel zu langsam sind. Aber es war euch scheißegal! Scheinheilig habt ihr euch hingestellt und so getan, als wolltet ihr mir helfen! Was ist dabei rausgekommen? So träge wie Schneckenschleim seid ihr und hängt an meinen Beinen wie Baumwurzeln! – Zum Kotzen ist das mit euch, zum Rattenficken!“
„Deine pubertären Ausfälle beeindrucken mich keineswegs“, versetzte Mannix gelassen. „Ich an deiner Stelle hätte nicht die geringste Lust, eine Ratte zu ficken. Von wem hast du nur solche Ausdrücke, doch nicht etwa von deiner Mutter?! Beruhige dich und denk drüber nach, was wir außer Zu-Fuß-Gehen machen können. Ob du vielleicht einen Fliegenden Teppich bestellen könntest oder eine Untertasse mit ähnlichen Eigenschaften. Vielleicht würde es ja auch eine von diesen Straßenkisten machen, so ein Dreißigtonner, wie man hier sagt, am besten mit Getränken beladen. Wenn der Fahrer uns mitnimmt…“
„Ich könnte nachhelfen“, erbot sich Gottlieb, in dessen Hirn nun eine Idee aufblitzte. „Wenn ich einen zum Anhalten kriege, kann er ohne meine Erlaubnis nicht weiter.“
„Wie willst du denn das machen?“ fragte der Prinz skeptisch.
„Wirst du gleich sehen“, erwiderte Gottlieb und stellte sich mitten auf die Straße.
Aus Richtung Fishguard näherte sich ein mächtiger Lastzug.
„Mach keinen Unfug, der walzt dich platt!“ mahnte der Mönch besorgt. „Du überschätzt dich!“
„Du unterschätzt mich!“ versetzte Gottlieb, blieb stehen, wo er war und hob die Hand.
Die Hupe des gigantischen Fahrzeugs dröhnte blechern, doch der Starke wich nicht von der Straße und ließ sich keineswegs beeindrucken.
Jack Grassgrow beobachtete den Vorgang mit unverhohlener Neugier, während Mannix vor Nervenanspannung zitterte und der Prinz mehrmals hintereinander aus vollem Halse „Du Idiot!“ rief.
Siebenmal benutzte der Fahrer die Hupe, bevor er sich entschloss, auf die Bremse zu treten. Kreischend kam der Lastzug zum Stillstand, wobei ihm Gottliebs Bauch als zusätzlicher Puffer diente.
Der Mann am Lenkrad riss die Tür auf.
„Bist du des Wahnsinns?“ schrie er, sprang auf die Straße hinunter und stürzte mit erhobener Faust auf den lebendigen Bremsklotz zu.
„Langsam, langsam“, beschwichtigte dieser, streckte seine Hand aus und verhinderte so einen tätlichen Angriff des Wütenden. „Wir wollen bloß mit, das ist alles.“
„Auch noch plemplem, was?“ fauchte der Fahrer, der aus London stammte und mit Gottliebs Jamaika-Englisch nicht viel anfangen konnte. „Da brauche ich mich ja nicht wundern. Habe ich dich wenigstens verletzt?“
Da schritt Mannix ein.
„Sag nichts über unseren besten Mann, er ist weder plemplem noch verletzt noch sonst was“, wies er den Erbosten zurecht. „Er wollte dich aufhalten, damit du uns mitnimmst, kapiert?“
„Was soll ich?“
„Uns mitnehmen“, wiederholte der Mönch gelassen. „Nach Osten, so weit wie möglich.“
„Euch Saubande mitnehmen?“ Der Fahrer, der Mühe hatte, sich zu beruhigen, drohte erneut ausfällig zu werden. „Wie komme ich denn dazu? Auch noch nach Osten. Solche wie ihr kennen wohl kaum den Unterschied zwischen Osten und Ostern. Und ich habe wirklich keine Lust, ihn euch zu erklären. Wer weiß, aus welcher Anstalt ihr abgehauen seid; und wenn ich euch helfe, mache ich mich vielleicht strafbar. – Also: Aus dem Weg, sonst seid ihr flach!“
Mit diesen Worten machte er kehrt und schwang sich erneut auf den Sitz hinter dem Lenkrad. Die Tür krachte zu und der Motor heulte auf. Langsam setzte sich das Fahrzeug in Bewegung.
Gottlieb grinste. Er blieb auf der Stelle stehen. Der Lastzug traf auf seinen Bauch und kam nicht eine Handbreit vorwärts. Die Antriebsräder drehten durch und die Reifen liefen heiß. Ein beißender Gestank erfüllte die Luft.
Sie sahen, wie der Fahrer einigermaßen fassungs- und hilflos am Ganghebel herumriss. Jack hörte ihn lästerlich fluchen und feixte.
Schnell aber verging ihm das Lachen. Der Lastzug setzte zurück, Meter um Meter.
„Pass auf, er nimmt Anlauf, der Heimtücker!“ rief der Lauscher warnend.
Gottlieb winkte ab. Dann sprang er zur Seite, rannte an dem langgestreckten Fahrzeug entlang, bis er dessen Heck erreichte, packte zu und hob es um einige Zentimeter nach oben. Mit einem beinahe singenden Klang schwirrten die Antriebsräder hilflos über dem Asphalt.
Mannix öffnete die Fahrertür von außen.
„Du solltest besser mit dem Blödsinn aufhören“, riet er. „Hinter dir hat sich eine Schlange gebildet und du kannst froh sein, dass mein kräftiger Bruder dich davor bewahren konnte, Schaden anzurichten.“
Der Fahrer machte den Motor aus. Dann verdrehte er seine Augen, sank in die Rückenlehne und begann zu jammern.
„Ihr Schweine, ihr elenden Schweine!“ wimmerte er verzweifelt. „Ihr ruiniert mich innerhalb von zwei Minuten. Wenn ich meinen Zeitplan nicht schaffe, werde ich entlassen, und ich bin schon eine halbe Stunde im Rückstand! Wer seid ihr bloß, wo kommt ihr nur her, ihr Raubrittergesindel?!“
Schritt für Schritt bauten sich die verwüsteten Länder von neuem auf und errichteten das, was ihre Machthaber als Ordnung bezeichneten. Doch es waren nichts als Grenzen, Zäune, Mauern, Schützengräben, Linien fortgeschriebenen Hasses. Waffen bedeuteten mehr als Nahrung, Gesetze mehr als Leben, Haben mehr als Sein.
Die Einen meinten, man könne den Lauf der Welt an der Stelle fortsetzen, an der er unterbrochen worden war. Treue und Redlichkeit, riefen sie lauthals, Fleiß, Anstand, Moral, Pflicht und Gehorsam, Heim(at), Herd, Gott, Glauben und Vaterland. Worte, die einst galten, die vor Zeiten Inhalt besaßen und Schutz versprachen. Schmeckte man sie ab mit modernen Gewürzen, beispielsweise Demokratie, Wirtschaft, Konjunktur und Wohlstand, mussten sie eine Essenz ergeben, die die Menschen gierig schlürften, die sie das Erlebte vergessen machte, und die sie leicht einwilligen ließ in den neuerlichen Schlaf ihrer Seelen.
Die Anderen färbten die alten Begriffe mit neuen Namen ein. Diejenigen, die die Zukunft der Welt bestimmten, gaben sie vor zu sein, die den Weg ins Licht wüssten. Arbeiterklasse, tönten ihre Führer mit heiseren Stimmen, Sozialistische Einheitspartei, Fortschritt, Frieden, Freundschaft, Volkseigentum, Siegen lernen von der Sowjetunion. Worte, so fade und bleich wie das Rot der Fahnen, die über ihnen wehten. Mit trügerischen Hoffnungen umjubelt, bis zum Erbrechen wiedergekaut und in Dumpfsinn nachgebetet. Es war mühevoll, sie mit Inhalt zu füllen, sie in die Köpfe oder sogar Herzen der Menschen zu peitschen. Die Kraft der Jahrhunderte fehlte ihnen, das Fundament der Generationen, und die Sprache derer, die sie annahmen, verarmte.
Beide indes, die Einen wie die Anderen spielten das alte Spiel, sangen das alte Lied. In dem es um Macht und Ohnmacht ging, um Herrschen und Unterdrücken, um Feind und Freund, um Trennen, um Entzweien, um Zerreißen, um die Hölle, die sie alle in sich trugen. Wenn einer Gott sagte, antwortete sein Gegenüber Kein-Gott, und wenn der erste Religion sagte, erwiderte der zweite Wissenschaft. An beider Herzen jedoch nagte die alte Angst, die sie aufeinander hetzte, und ihre Worte waren nichts als Munition für unsichtbare Duellpistolen.
Die Not machte man zur Tugend, den Riss, der das Land und seine Menschen durchzog, zur schützenden Grenze. Noch blieb sie durchlässig, noch konnte sich jedermann entscheiden, welche Seite die bessere, welches Übel das kleinere schien. Aus einem Staat aber waren nun zwei geworden, und während in einem Handel und Wandel erblühten, kümmerte der andere dahin, ausgeraubt, in Trümmern und verarmt.
Hans der Dummkopf und Katharina die Schwerhörige fragten weder nach Armut noch Reichtum, weder nach Pflicht noch Partei. Einzig der Bestimmung vertrauten sie, die sie zusammen- und an diesen Ort geführt hatte und richteten sich ein. Er nährte sich von Handlanger- und Hilfsdiensten, sobald man ihm Gelegenheit dazu bot. Sie sammelte Kräuter und bereitete daraus Tees, Mixturen und Salben. Obwohl sie der Ruf umgab, dass sie eine Hexe sei und eine Hure vermutlich dazu, kamen heimlich Bauersfrauen und Töchter zu ihr, um sich eine Flechte kurieren zu lassen oder das Schicksal zu erfahren, das in ihren Handflächen aufgezeichnet war. Mit Brot bezahlten sie, mit Milch, Eiern oder Kartoffeln, und manchmal sogar mit den neuen Geldscheinen, die seit einiger Zeit in Umlauf waren.

In Deutsch war Kreativität gefragt. Die erste Hausaufgabe, die Frau Linser aufgab, bestand im Niederschreiben von fünf bekannten Abkürzungen und deren Bedeutung. Das hatte zur Folge, dass die Ergebnisse sich erstaunlich ähnelten und beispielsweise die Kürzel DDR, FDJ und DSF von fast allen Schülern gleichermaßen aufgezählt wurden. Die Zwischenrufe, die darauf hinausliefen, dass sich FDJ auch mit den Worten Ficken darf jeder ausschreiben ließ oder DSF mit Deutscher Sauf-F(V)erein, überhörte die Lehrerin geflissentlich. Thomas war der einzige, der USA notiert hatte und die Abkürzung mit nahezu korrekter Aussprache prahlend in United States of America übersetzte.
Fragende und erstaunte Blicke richteten sich indessen auf Rainer, als dieser laut „KWP“ vorlas.
„Was soll denn das sein?“ Auch Frau Linser wusste nichts damit anzufangen.
„,Kittwerke Pirna‘“, antwortete der Neffe eines Glasers in vollem Ernst. „Schdehd off jedr Kiddbiggse droff.“

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